Am 22. Mai wird der Internationale Tag der biologischen Vielfalt gefeiert. Biologische Vielfalt, Biodiversität und Artenvielfalt – all diese Begriffe beschreiben die Vielfalt des Lebens auf der Erde. Unter dem Begriff wird nicht nur die Anzahl der verschiedenen Pflanzen- oder Tierarten verstanden, sondern auch die Heterogenität der Gene innerhalb der Arten. Die Auswirkungen des Artensterbens und der Klimakrise sind sehr unterschiedlich, jedoch treffen sie bestimmte Gruppen härter als andere. Dies bedeutet, dass es neben der Klimakrise auch eine plurale Krise der sozialen Gerechtigkeit gibt.
Gentrifizierung und Zugang zu Natur: Warum Grünflächen sozial ungleich verteilt sind
Mehr als die Hälfte der Menschheit1 und mehr als 77 % der Menschen in Deutschland leben in städtischen Gebieten.2 Obwohl es als selbstverständliches Recht aller Menschen gehalten wird, ist Natur nicht für alle gleich zugänglich, sondern sozioökonomisch ungleich erreichbar. Wohnraum ist im Durchschnitt an Orten in Naturnähe, beispielsweise am Stadtrand oder in der Nähe größerer Parks, teurer.3 Im Vergleich dazu sind innerstädtische Räume mit höherer Einwohnerdichte eher naturfern und bieten selten Möglichkeiten zur Erholung an der frischen Luft. In Deutschland gibt es dabei keine rechtliche Grundlage, um den Zugang zur Natur für alle Einwohner*innen zu garantieren. Zwar ist das Betreten der meisten Wälder und Naturgebiete gestattet, jedoch besteht keine Grundlage für eine sozialgerechte Zugänglichkeit solcher Grünflächen. Grüne Freiräume dienen nicht nur als Orte zur Erholung, sondern auch als Orte der Gemeinschaft und Begegnung. Sie stärken den sozialen Zusammenhalt auf lokaler Ebene und bauen durch Begegnung verinnerlichte Stereotype gegenüber anderen Menschen der Gemeinde ab.4 Diversität wirkt also auf mehreren Ebenen gleichzeitig, indem die Vielfalt der sozialen Räume im Städtebau, die Diversität der Einwohner*innen und die Heterogenität der Arten und Grünflächen alle positive gesellschaftliche Auswirkungen haben.
Gesundheitliche Folgen von Biodiversitätsverlust und fehlender Stadtnatur
Es geht bei diesem Thema um viel mehr als die Schönheit des Stadtteils oder der Wohnungsumgebung. Zugang zur Natur hängt eng mit der Gesundheit des Körpers und der Psyche zusammen. Grünflächen bieten Schutz vor der Hitze und ermöglichen in offeneren Orten einen Windzug. An den immer heißer werdenden Sommertagen wird der Schatten von Bäumen und größeren Gewächsen sogar lebensnotwendig. Der Gegensatz hierzu sind die innerstädtischen engen Straßen, in denen die einzigen Rückzugsorte vor der Hitze luftkonditionierte Läden sind. Studien belegen, dass Menschen aus Haushalten mit niedrigerem sozio-ökonomischem Status und mit Migrationshintergrund wahrscheinlicher in Stadtteilen mit weniger und vorwiegend monokultureller Vegetation wohnen.5 Wenn man diese zwei Fakten miteinander verbindet, wird schnell deutlich, dass Wohlstand und Vermögen mit Verschmutzung, Hitzestress und schlechter Luftqualität verbunden sind. Die Natur bleibt also politisch auf mehreren Ebenen und wird neben der Klimakrise und dem Artensterben auch in Debatten der sozialen Gerechtigkeit relevant.
Biologische Vielfalt und Ernährungssicherheit: Warum Artenvielfalt unsere Lebensmittelversorgung schützt
Lebensmittel sind ein weiterer Grundbaustein sowohl für die menschliche als auch für die tierische Existenz. Auch hier wirkt die biologische Vielfalt sich auf die Gesundheit der Lebewesen als auch auf die Böden und Ökosysteme aus. Ökosysteme sind in der Regel sehr anpassungsfähig an veränderliche Umweltbedingungen und erreichen dies durch die Wechselwirkungen zwischen den Arten.
Pflanzen wandeln die Energie der Sonne um und machen sie für andere Lebensformen verfügbar. Organische Stoffe werden von Bakterien und anderen Lebewesen zu Nährstoffen abgebaut und versorgen Pflanzen mit gesundem Boden zum Wachsen. Bestäuber wiederum sind für die Reproduktion von Pflanzen unerlässlich und sichern unsere Nahrungsmittelproduktion. Wälder und Ozeane sind Kohlenstoffsenken. Der Wasserkreislauf ist stark von lebenden Organismen abhängig..6
Wenn Vegetationen zum Teil oder sogar gänzlich umgestaltet werden, verliert das Ökosystem Kernstützpunkte, ist nicht mehr so anpassungsfähig und daher auch anfälliger für Krankheiten und Disruptoren. In Schleswig-Holstein setzt sich zu über 85 % der Landwirtschaft aus Ackerbau (30 %) und Futterbau (55 %) zusammen.7 Auch wenn gelbe Rapsfelder schön aussehen, handelt es sich dabei vorwiegend um Monokulturen, die anfälliger für Schädlinge und Krankheiten sind. In der Folge des Ernteausfalls steigen die Lebensmittelpreise. Wenn Lebensmittel nicht mehr erschwinglich sind, werden die negativen Auswirkungen von Monokulturen und dem Mangel an Artenvielfalt zu einem Schwerpunkt der sozialen Gerechtigkeit. Biologische Vielfalt sollte kein Luxus sein, sondern als Grundlage für soziale Gerechtigkeit anerkannt werden.
Klimakrise, Biodiversitätsverlust und soziale Ungleichheit: Ein Ökosystem kurz vor dem Zusammenbruch?
Die Wichtigkeit der Artenvielfalt zur Bekämpfung der Klimakrise wird sich in den kommenden Jahren nur noch erhöhen. Die Folgen werden sozio-ökonomisch schwächere Schichten am deutlichsten spüren. Finanziell schwächere Gruppen wohnen öfter in Wohnräumen, die anfälliger für Klimakatastrophen sind. Dies zeichnet sich neben der Lage durch einen Mangel an finanziellen Ressourcen zur Vorbeugung von Katastrophen oder für entstehende Reparaturen aus.8 Diese Entwicklungen machen deutlich, dass die Klimakrise keine theoretische Debatte sondern eine gelebte Realität ist. Dabei betrifft die Frage der Gerechtigkeit besonders diejenigen, die am meisten unter den Auswirkungen der Klimakrise leiden. Die Maßnahmen zum Schutz der Vielfalt sind bisher jedoch nicht ausreichend. Was wir brauchen sind informierte Bürger*innen, die sich für die nachhaltige biologische Vielfalt einsetzen und sich für die Lebewesen wehren, die es nicht selber können. Eine wirklich nachhaltige Lösung achtet auf eine stabile oder wachsende Anzahl der Arten, auf den Klimawandel sowie auf die Menschen, also auf soziale Gerechtigkeit.
Artengerecht – geht das auch sozialgerecht?
Individuell kann jede Person sich dafür einsetzen, dass auf Grünflächen seltener oder gar nicht gemäht wird, um die Flächen wieder zu verwildern, oder regionale Naturschutzorganisationen (ehrenamtlich) unterstützen. Beim wöchentlichen Einkauf sollte man regionale und vor allem Bioprodukte bevorzugen und so auch im eigenen Garten oder Balkon auf Pestizide, Dünger verzichten und die Finger von torfhaltiger Gartenerde lassen. Auch das muss man sich aber zuerst leisten können. Bioprodukte werden meistens preislich höher eingestuft, was wiederum eine Debatte der sozialen Gerechtigkeit und dem finanziellen Zugang zu gesunden und nachhaltigen Lebensmitten hervorbringt. Mit der Überschreitung der ökologischen Kipppunkten durch die Erderwärmung sind schon unzählige Arten ausgestorben, tausende – wenn nicht mehr – sind aktuell vom Aussterben bedroht. Je mehr Arten gefährdet sind, desto gefährdeter ist auch das Allgemeinwohl der Menschen. Es ist unerlässlich, dass wir jetzt handeln, bevor die Ökosysteme gänzlich zusammenbrechen. Vielfalt, Wiederverwilderung und soziale Gerechtigkeit sind dabei die zentralen Begriffe.
Text: Silja Janu
Fußnoten
- 1
Werner, P., & Zahner, R. (2009). Biologische Vielfalt und Städte: eine Übersicht und Bibliographie
- 2
https://www.deutschland.de/de/topic/leben/stadt-und-land-fakten-zu-urba…
- 3
Werner, P., & Zahner, R. (2009). Biologische Vielfalt und Städte: eine Übersicht und Bibliographie.
- 4
https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=9U-MEAAAQBAJ&oi=fnd&pg=PA201…
- 5
https://www.climas.arizona.edu/sites/default/files/book/Harlan_et_al_Ne…
- 6
https://www.europarl.europa.eu/topics/de/article/20200109STO69929/verlu…
- 7
https://storymaps.arcgis.com/collections/cd87e99cfb5448e1b54ae2678b7516…
- 8
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S187734351000148X