Die Fassungslosigkeit über den Fall Collien Fernandes ist groß. Gleichzeitig weist der Fall auf eine gewaltige Bedrohung hin: Strukturelle Gewalt gegen Frauen im Netz. Wie kann gegen diesen Missstand vorgegangen werden – gesetzlich und gesellschaftlich?
„Du hast mich verbal vergewaltigt“, titelte der Spiegel am vergangenen Samstag und löste damit eine Welle der Solidarität mit Collien Fernandes aus – besonders unter Frauen. In dem Artikel erhebt Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Er soll mutmaßlich über Jahre hinweg in sozialen Netzwerken Fake-Profile unter ihrem Namen erstellt und darüber pornografische Inhalte über sie verbreitet haben. Die Vorwürfe sind bislang nicht abschließend juristisch geklärt.
Ein Blick in die Kommentarspalten zeigt jedoch: Neben Schock und Mitgefühl ist da noch etwas anderes – Wut. Und eine ernüchternde Vertrautheit. Viele Frauen äußern die Sorge, dass auch dieser Fall nach anfänglicher Empörung folgenlos bleiben könnte. Zu oft haben prominente Fälle gezeigt, wie schnell öffentliche Aufmerksamkeit abebben kann. Man denke nur an Comedian Luke Mockridge1 oder Rammstein-Sänger Till Lindemann2 zurück, die durch erfolgreiche Unterlassungsklagen die Berichterstattung einschränken konnten.3
Politik unter Druck
Doch diesmal reagiert auch die Politik. Neben den zweifelhaften Äußerungen von Friedrich Merz4, kündigte Bundesjustizministerin Stefanie Hubig eine konkrete Gesetzesverabschiedung an. Das Gesetz soll das Herstellen und Verbreiten sexualisierter Bilder ohne Einwilligung unter Strafe stellt.5 Geplant sind Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren oder Geldstrafen.
Auch Lena Gumnior von den Grünen fordert weitergehende Maßnahmen6: höhere Strafen bei bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen und bessere Möglichkeiten für Betroffene, gegen die Verbreitung solcher Inhalte vorzugehen.
Damit reagiert die Politik auf ein Problem, das längst Realität ist – und von dem überproportional Frauen, Lesben, Intergeschechtliche, Nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen (kurz: FLINTAs) betroffen sind. 2024 waren laut Bundeskriminalamt 61,2 % der Opfer in der Kategorie „digitale Gewalt” weiblich.7
Ein altes Problem im neuen technologischen Gewand
Dabei ist das Problem schon lange bekannt. 2019 sorgte das Programm „DeepNude“ für Schlagzeilen: Mithilfe von Algorithmen wurden Bilder von Frauen automatisiert „entkleidet“. In einem Interview erklärte ein mutmaßlicher Entwickler, man habe sich bewusst auf Frauen beschränkt – weil entsprechendes Bildmaterial im Netz leichter verfügbar sei.8 Die Logik dahinter ist so simpel wie bezeichnend: Wo weibliche Körper ohnehin massenhaft verfügbar sind, lassen sie sich auch leichter digital missbrauchen.
Der Fall zeigt: Die Problematik begann nicht erst mit den neuesten KI-Tools. Technologien zur Manipulation und Sexualisierung von Bildern existieren seit Jahren – und sie treffen nicht zufällig vor allem Frauen. Deepfakes, Doxxing – das öffentliche Posten von Privatadressen – oder nicht einvernehmliche Bildverbreitung und anzügliche Textnachrichten in Online-Shops9 sind keine isolierten Phänomene, sondern Teil eines größeren Musters geschlechtsspezifischer digitaler Gewalt.
Gewaltschutz endet nicht im Netz
Cyberfeminst*innen fordern deswegen schon lange, dass Cyberpolitik FLINTAs besser schützen muss.10 Vor diesem Hintergrund haben inzwischen rund 250 prominente Unterzeichner*innen aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Bundesregierung zu einem entschlosseneren Vorgehen aufgerufen.11
Darunter auch die Kieler Bundestagsabgeordente Luise Amtsberg (Bündnis 90/Die Grünen): "Die Straflosigkeit männlicher Gewalt muss endlich ein Ende haben. Wir fordern von der Bundesregierung Schutz vor männlicher Gewalt und digitaler sexualisierter Gewalt."12
Die Straflosigkeit männlicher Gewalt muss endlich ein Ende haben. Wir fordern von der Bundesregierung Schutz vor männlicher Gewalt und digitaler sexualisierter Gewalt.
Dazu gehören eine konsequentere Strafverfolgung, die rechtliche Anerkennung spezifischer Gewaltformen wie Femizide sowie ein deutlich stärkerer Schutz von Betroffenen. Auch Plattformen sollen stärker in die Pflicht genommen werden – etwa bei der schnellen Entfernung von Inhalten und der Sicherung von Beweisen, die oft gezielt verborgen werden.
Gegen Frauen gerichtete Grenzüberschreitungen können dabei vielfältig sein und bleiben oft straffrei: Neben dem Identitätsraub und Verbreitung KI-generierter pornographischer Aufnahmen, sind es vor allem voyeuristische Aufnahmen in öffentlichen oder halböffentlichen Räumen, die Verbreitung intimer Inhalte ohne Einwilligung oder Apps, die Bilder automatisiert sexualisieren. Auch hier fordern Expert*innen klare gesetzliche Regelungen, die solche Praktiken explizit kriminalisieren.
Denn bislang liegt die Last meist bei den Betroffenen: Sie müssen Beweise sichern, Inhalte melden, Verfahren anstoßen – und gleichzeitig mit den sozialen und psychischen Folgen leben. Eine spezialisierte Justiz, geschulte Ermittlungsbehörden und funktionierende Schutzstrukturen könnten hier entscheidend entlasten.
Digitale Gewalt ist strukturell
Der Fall Collien Fernandes macht deshalb vor allem eines deutlich: Es geht nicht nur um einen prominenten Einzelfall, sondern um ein strukturelles Problem. Digitale Gewalt gegen Frauen ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck bestehender Machtverhältnisse, die sich im Netz fortsetzen und durch neue Technologien weiter verschärft werden.13
Digitale Gewalt gegen Frauen ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck bestehender Machtverhältnisse.
Gerade durch die rasante Entwicklung und breite Verfügbarkeit von KI-Anwendungen, die missbräuchlich genutzt werden können, wächst die Bedrohung erheblich. Was früher technisches Wissen und finanzielle Ressourcen erforderte, ist heute oft mit wenigen Klicks möglich. Damit kann potenziell jede Person zum Täter werden und die Hürden für digitale Gewalt sinken weiter.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob gehandelt werden muss, sondern wie konsequent. Denn ohne wirksame Regulierung, klare Verantwortlichkeiten und echten Schutz für Betroffene droht auch dieser Fall, nur ein weiterer Moment der Empörung zu bleiben.
Du bist selbst betroffen oder benötigst Unterstützung zum Thema Hass und Gewalt im Netz? Du findest Hilfe bei HateAid.
Fußnoten
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https://www.instagram.com/reel/DWT678_CEYb/?utm_source=ig_web_copy_link…
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https://www.vice.com/en/article/deepnude-app-creates-fake-nudes-of-any-woman/
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https://www.gwi-boell.de/de/2024/08/30/was-bedeutet-feministische-cybersecurity
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https://www.instagram.com/p/DWOjQFwjWsK/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA
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