Am 11. Februar 2026 wird weltweit der Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft gefeiert. In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und technologischer Umbrüche rückt der Aktionstag die Frage in den Fokus, wessen Wissen gehört, anerkannt und in zukunftsweisende Entscheidungen einbezogen wird.
Am 11. Februar 2026 wird weltweit der Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft gefeiert. In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und technologischer Umbrüche, von Künstlicher Intelligenz über Klimaforschung bis hin zur globalen Gesundheitsversorgung, rückt der Aktionstag die Frage in den Fokus, wessen Wissen gehört, anerkannt und in zukunftsweisende Entscheidungen einbezogen wird. Denn nachhaltiger wissenschaftlicher Fortschritt braucht nicht nur Innovation, sondern auch Vielfalt, eine Voraussetzung, die im Wissenschaftssystem bislang nur unzureichend erfüllt wird.
Unterrepräsentation in Wissenschaft und Forschung
Frauen sind in der Wissenschaft nach wie vor deutlich unterrepräsentiert, insbesondere in den zukunftsweisenden MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Weltweit ist nur etwa jede dritte wissenschaftlich tätige Person weiblich.1 Diese Ungleichverteilung lässt sich nicht auf individuelle Karriereentscheidungen reduzieren, sondern ist Ausdruck struktureller Barrieren, die den gesamten wissenschaftlichen Werdegang prägen.
Bereits früh werden Mädchen und junge Frauen durch stereotype Rollenbilder, Vorurteile und fehlende Förderung in ihren Ambitionen gebremst. Im Wissenschaftssystem setzen sich diese Benachteiligungen fort: Forscherinnen erhalten im Durchschnitt weniger Forschungsgelder, veröffentlichen seltener in renommierten Fachzeitschriften und werden bei Beförderungen häufiger übergangen. Besonders betroffen sind Wissenschaftlerinnen in frühen Karrierephasen, deren Laufbahnen oft prekärer, kürzer und schlechter vergütet sind.
Auch in Entscheidungs- und Berufungsgremien sind Frauen deutlich unterrepräsentiert – Kommissionen sind im Durchschnitt zu mehr als 80 Prozent männlich besetzt. Diese Zusammensetzung beeinflusst Auswahl- und Bewertungsprozesse und trägt zur Verstetigung bestehender Ungleichheiten bei. Wie sich diese Mechanismen in konkreten Zukunftsfeldern auswirken, zeigt exemplarisch der Bereich der Künstlichen Intelligenz:2 Obwohl KI als Schlüsseltechnologie der Zukunft gilt, liegt der Frauenanteil unter den Forschenden bei lediglich 22 Prozent.3
Der Matilda-Effekt als strukturelles Erklärungsmodell
Ein zentrales Erklärungsmodell für diese fortbestehenden Ungleichheiten ist der sogenannte Matilda-Effekt. Er beschreibt die systematische Tendenz, wissenschaftliche Leistungen von Frauen geringer zu würdigen oder sie männlichen Kollegen zuzuschreiben. Benannt nach der Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage verweist der Begriff auf historische wie gegenwärtige Formen des Unsichtbarmachens weiblicher Beiträge in der Wissenschaft.
Der Matilda-Effekt wirkt selten offen, sondern meist subtil, etwa in Begutachtungsverfahren, bei der Zuschreibung von Expertise oder in der Bewertung wissenschaftlicher Leistungen.4 Diese Mechanismen beeinflussen Anerkennung, Karriereverläufe und Sichtbarkeit und tragen dazu bei, bestehende Hierarchien zu stabilisieren. Gerade in innovationsgetriebenen Bereichen besteht so die Gefahr, dass relevante Perspektiven unberücksichtigt bleiben.
Auswirkungen auf Medien, Öffentlichkeit und Vorbilder
Besonders deutlich zeigt sich dieses strukturelle Unsichtbarmachen in der medialen Berichterstattung über Wissenschaft. Eine Langzeitstudie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) belegt, dass Wissenschaftlerinnen in führenden deutschen Medien deutlich seltener als Expert*innen zu Wort kommen. Obwohl Frauen in den untersuchten Fachgebieten rund 31 Prozent der Forschenden ausmachen, lag ihr Anteil unter den zitierten Expert*innen in Leitmedien bei lediglich 18 Prozent.
Die Analyse von fast 5.000 Medienbeiträgen aus den Jahren 1995 bis 2020 zu wissenschaftlichen Risikothemen wie Ebola, Glyphosat oder COVID-19 kommt dabei zu einem differenzierten Ergebnis: Hinweise auf bewusste Diskriminierung durch Journalist*innen fanden sich nicht. Entscheidend für mediale Sichtbarkeit waren vielmehr akademischer Status, Publikationsleistung und wissenschaftliche Reputation – Kriterien, bei denen Frauen im bestehenden Wissenschaftssystem strukturell benachteiligt sind.
Damit wird deutlich, dass Medien bestehende Hierarchien der Wissenschaft häufig reproduzieren, ohne sie aktiv auszugleichen. Die geringere Präsenz von Wissenschaftlerinnen ist somit weniger Ausdruck medialer Voreingenommenheit als vielmehr eine Folge struktureller Ungleichheiten, wie sie auch der Matilda-Effekt beschreibt. Anerkennung, Reputation und Sichtbarkeit greifen dabei ineinander und verstärken sich gegenseitig.5
Diese Dynamik hat weitreichende gesellschaftliche Folgen. Medien prägen, wer als kompetente Stimme wahrgenommen wird, wessen Wissen Vertrauen genießt und wer als Vorbild gilt. Wenn wissenschaftliche Expertise überwiegend männlich sichtbar wird, verengt dies den öffentlichen Diskurs und beeinflusst die beruflichen Orientierungsmöglichkeiten junger Menschen. Insbesondere Mädchen und junge Frauen finden in zentralen Zukunftsfeldern wie Künstlicher Intelligenz, Klimaforschung oder Ingenieurwissenschaften weiterhin zu wenige öffentlich präsente Rollenvorbilder.
Geschlechtergerechte Zukunft gestalten – strukturell und nachhaltig
Strukturelle Ungleichheiten können nur durch langfristige, tiefgreifende Veränderungen wirksam abgebaut werden. Dazu zählen transparente Bewertungs- und Förderverfahren, gezielte Programme zur Unterstützung von Frauen in Wissenschaft und Forschung sowie Mentoring- und Netzwerkangebote. Ebenso wichtig ist das konsequente Sichtbarmachen weiblicher Expertise in Medien und Öffentlichkeit.
Um struktureller Benachteiligung entgegenzuwirken, setzt sich die Heinrich-Böll-Stiftung für mehr Chancen- und Bildungsgerechtigkeit ein. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Förderung unterrepräsentierter Gruppen, insbesondere von Frauen – vor allem in den MINT-Fächern.
Eine zentrale Akteurin ist das 2007 gegründete Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie. Es bündelt feministische Kompetenzen, entwickelt politische Perspektiven weiter und versteht die Rechte von Frauen und anderen aufgrund ihres Geschlechts marginalisierten Menschen als Menschenrechte. Das Institut stärkt Netzwerke, fördert den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft und vermittelt Gender-Kompetenz. Insgesamt verfolgt die Heinrich-Böll-Stiftung einen intersektionalen Ansatz mit dem Ziel, Machtverhältnisse nachhaltig zu verändern und Repräsentation, Teilhabe sowie Schutz für Frauen und LGBTIQ-Personen zu stärken.
Der Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft bietet Anlass, diese Verantwortung wahrzunehmen und Wissenschaft so zu gestalten, dass sie den Zukunftsfragen unserer Gesellschaft gerecht wird.
Autorin: Alina Hoose
Fußnoten
- 1
https://www.un.org/en/observances/women-and-girls-in-science-day/
- 2
https://www.promovierende.de/2024/02/internationaler-tag-der-frauen-und…
- 3
https://www.un.org/en/observances/women-and-girls-in-science-day/
- 4
https://mint-frauen-bw.de/matilda-oder-wenn-aus-herausforderungen-chanc…
- 5
https://www.kit.edu/kit/english/202510-female-scientists-face-visibilit…