Am 29. Februar ist Equal Care Day – also alle vier Jahre. Alle vier Jahre, weil Männer vier Jahre brauchen würden, um die von Frauen geleistete Care-Arbeit aufzuholen. Um dennoch auf die Ungleichheit aufmerksam zu machen, findet der Tag in diesem Jahr am 1. März statt.
Jeden Tag kümmern sich Millionen von Menschen um andere: Sie trösten Kindern, pflegen Angehörige, organisieren Arzt- oder Sporttermine, kochen, putzen, hören zu, planen den Alltag. Diese Arbeit hält unsere Gesellschaft zusammen und bleibt doch weitgehend unsichtbar, unbezahlt und wird vor allem nicht gewürdigt. Der Equal Care Day wurde deshalb auf den Schalttag 29. Februar gelegt, weil 80 % der unbezahlten Care-Arbeit von Frauen geleistet wird. Männer bräuchten vier Jahre, um die von Frauen geleistete Care-Arbeit aufzuholen. In einem regulären Jahr findet der Equal Care Day am 01. März statt.1
Care-Arbeit: Das Fundament unseres Zusammenlebens
Care bedeutet „Sorge“ oder „Fürsorge“ und umfasst weit mehr als die Pflege von Kranken oder älteren Menschen. Gemeint sind alle Tätigkeiten des Sich-Kümmerns im Alltag: Kindererziehung, Unterstützung von Menschen mit Behinderungen, Haushaltsaufgaben wie Kochen oder Einkaufen sowie die Organisation des Familienlebens. Ein wichtiger Teil davon ist der „Mental Load“, die unsichtbare Verantwortung für Planung, Termine und Bedürfnisse aller Beteiligten. Diese gedankliche Dauerbelastung bleibt oft unbeachtet, ist jedoch zentral für das Funktionieren des Alltags.
Trotz ihrer grundlegenden Bedeutung erfährt Care-Arbeit nur wenig gesellschaftliche Anerkennung, wird stattdessen meist als selbstverständlich angesehen. Dabei bildet sie das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.2
Klassische Wohlstandsindikatoren, wie das Bruttoinlandsprodukt bilden diese Arbeit nicht ab. Bei einer Vergütung mit dem Mindestwohl der unbezahlten Care-Arbeit würde sich das BIP in Deutschland um ungefähr ein Drittel erhöhen.3 Das häufig geringschätzig betrachtete „sich Kümmern“ ist somit kein „Privatproblem“, sondern eine zentrale gesellschaftliche Ressource, wie Verkehrsinfrastruktur oder Energieversorgung.
Die Gender Care Gap: die unsichtbare Lücke
Im Rahmen des Gender Pay Days wird jedes Jahr über die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen diskutiert. Allerdings wird der zeitlich unterschiedliche Umfang, in dem Männer und Frauen Sorgearbeit leisten, nicht betrachtet, obwohl in Deutschland Frauen deutlich mehr unbezahlte Care-Arbeit übernehmen als Männer. Dies gilt insbesondere ab dem 30. Lebensjahr, wenn Beruf, Partnerschaft und Familiengründung aufeinandertreffen.
Diese ungleiche Verteilung hat weitreichende Folgen: Wer mehr unbezahlte Care-Arbeit leistet, arbeitet häufiger in Teilzeit, unterbricht die Erwerbstätigkeit oder verzichtet auf Karriereschritte. Das führt zu einem geringeren Einkommen, weniger Vermögensaufbau und niedrigeren Renten. Altersarmut ist deshalb überdurchschnittlich weiblich. Die Gender Pay Gap ist somit nicht losgelöst von der Gender Care Gap zu betrachten, sondern eine ihrer Folge.
Berufliche Care-Arbeit – systemrelevant, aber kaum anerkannt
Neben der privaten Care-Arbeit wird auch die berufliche Care-Arbeit überwiegend von Frauen übernommen. 80 % der Arbeit in Gesundheitsberufen, Pflege oder Erziehung werden von Frauen geleistet. Trotz der Systemrelevanz dieser Berufsgruppen sind die Arbeitsbedingungen häufig belastend, die Entlohnung in Bezug zu Qualifikation und Verantwortung niedrig und der Personalschlüssel knapp.
Die Folge ist ein strukturelles Problem: Schlechte Bezahlung und hohe Arbeitsbelastung führen dazu, dass Fachkräfte fehlen. Sind Betreuungsplätze knapp oder fehlen Pflegeangebote, müssen Angehörige – meistens Frauen – dies mit zusätzlicher Care-Arbeit ausgleichen. Strukturelle Probleme im Care-Bereich verstärken so die Verfügbarkeit von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und fördern die Ungleichheit insgesamt.
Globale Auswirkung der Versorgungsengpässe: Care-Drain
Die Care-Krise ist jedoch kein rein nationales Problem, sondern hat in einer globalisierten Welt grenzüberschreitende Auswirkungen. Es entstehen „Globale Care Chains“. Entwickelt von der Soziologin Arlie Hochschild, beschreibt dieser Begriff, dass Migrant*innen aus wirtschaftlich schwächeren Ländern die Care-Arbeit in der Pflege oder Haushaltsführung übernehmen, wodurch jedoch Versorgungslücken in den Herkunftsländern auftreten. Ein Prozess, der als „Care Drain“ bezeichnet wird.
Diese Dynamik wirft Fragen nach globaler Gerechtigkeit auf. Wenn wirtschaftlich wohlhabende Länder ihre Care-Versorgungssicherheit dadurch sichern, dass in finanzschwächeren Ländern Versorgungslücken entstehen, verschärfen sich globale Ungleichheiten und bedrohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesen Ländern. Darüber hinaus arbeiten viele migrantische Arbeitskräfte im Care-Sektor unter prekären Arbeitsbedingungen, häufig auch ohne ausreichenden arbeitsrechtlichen Schutz.4
Für eine fürsorgliche Demokratie
Care-Arbeit ist ein zentrales Element menschlichen Lebens: Jede Person ist auf die Fürsorge anderer angewiesen. Der Equal Care Day macht deutlich, dass Gleichberechtigung nicht allein über gleiche Bezahlung erreicht werden kann. Ungleiche Verteilung, strukturelle Abwertung und Unsichtbarkeit von Care-Arbeit verstärken soziale Ungleichheiten und verhindern gleiche Teilhabe. Care-Arbeit ist daher kein Randthema, sondern das Fundament für eine faire gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Mitgestaltung.
Text: Alina Hoose