Jeder dritte ältere Mensch in Schleswig-Holstein gibt an, sich einsam zu fühlen. Auch in den jüngeren Generationen ist Einsamkeit keine Seltenheit. Besonders in der kalten, dunklen Jahreszeit, stellt sich die Frage nach Hilfsangeboten. Darüber, wie Ehrenämter ein Gewinn für alle Beteiligten sein können und wie die Politik entsprechende Angebote unterstützen kann, hat sich Schleswig-Holsteins Sozialministerin Aminata Touré im Landtag mit Expert*innen, Betroffenen und Interessierten ausgetauscht.
Einsamkeit sollte kein Tabuthema sein. Dass trotzdem so viele Menschen davon betroffen sind, wirft Fragen darüber auf, wie gut sich in unserer Gesellschaft umeinander gekümmert wird.
Einsamkeit – Ein unterschätztes gesellschaftliches Problem
Mal allein zu sein – das kennen wir alle. Vielleicht brauchen wir es sogar ab und zu, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen und Zeit mit uns selbst zu verbringen. Ein ganz anderes Gefühl, das unbedingt vom Alleinsein zu unterscheiden ist, ist die Einsamkeit. Einsamkeit ist ein Zustand, der nicht freiwillig gewählt wird und sich bei den Betroffenen in Form von negativen Gefühlen äußert. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse hat jede zweite Person in Schleswig-Holstein bereits Erfahrungen mit Einsamkeit gemacht.1 Bei den älteren Menschen gibt sogar jede dritte Person konkret an, sich einsam zu fühlen.
Einsamkeit kann die unterschiedlichsten Auslöser haben und daher Menschen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Lebenssituationen treffen. Krankheit, schlechtere Bildungschancen, Arbeitslosigkeit oder niedriges Einkommen sowie fehlende Angebote für soziale Kontakte – das alles sind potenzielle Ursachen, die Einsamkeit begünstigen. Die Folgen können weitreichend sein: von Depressionen und Angstzuständen bis hin zu Diabetes und Herzinfarkten. Darüber hinaus kann Einsamkeit auch die Anfälligkeit für politische Beeinflussung erhöhen.
Ehrenamt als Weg zu mehr Gemeinschaft
Ehrenamt bedeutet gesellschaftliche Teilhabe und vor allem Gemeinschaft. Rund ein Drittel aller Schleswig-Holsteiner*innen engagieren sich bereits ehrenamtlich.2 Ehrenämter können ganz unterschiedlich aussehen: von der Unterstützung bei der Pflege historischer Schiffe über die Begleitung von Kindern bei der Gartenarbeit und die Vor- und Nachbereitung von Konzerten bis hin zur Übernahme rechtlicher Verantwortung für Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen – die Möglichkeiten, sich gesellschaftlich einzubringen, sind so vielseitig wie die Menschen, die sie nutzen.
Bei der Veranstaltung „Ehrenamt verbindet – Gemeinsam gegen Einsamkeit“ hat sich Sozialministerin Aminata Touré mit Betroffenen und Expert*innen über die Bedeutung ehrenamtlichen Engagements ausgetauscht. Dabei kann ein Ehrenamt nicht nur denjenigen helfen, an die sich die Angebote richten: Anerkennung, Sinn und die Gewissheit, gebraucht zu werden, das alles sind positive Auswirkungen eines Ehrenamts. Wer einmal wöchentlich einen Nachmittag mit Senior*innen im Pflegeheim verbringt, macht nicht nur den Menschen dort eine Freude, sondern sorgt auch im eigenen Alltag für mehr Gemeinschaft und Miteinander.
Welchen Beitrag kann die Politik leisten?
Seit 1999 wird in Deutschland regelmäßig der Deutsche Freiwilligensurvey durchgeführt, eine Umfrage zum freiwilligen Engagement. Die neueste Umfrage aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Ehrenamtliche im Schnitt mehr Zeit für ihr Amt aufwenden als in den vergangenen Jahren. Allerdings verzeichnet der Freiwilligensurvey 2024 erstmals seit 1999 einen Rückgang der Zahl der Menschen, die sich freiwillig engagieren.3
Die Bekämpfung von Einsamkeit und die Förderung von Ehrenämtern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der Bund, Länder und Kommunen unterschiedliche Verantwortung tragen. Der Bund ist dafür zuständig, konkrete politische Strategien zu entwickeln und Förderprogramme aufzulegen. Das Land Schleswig-Holstein muss entsprechende Maßnahmen unterstützen und koordinieren. Einzelne Kommunen vor Ort erfüllen besonders wichtige Aufgaben, indem sie die Lebensbedingungen vor Ort gestalten und Begegnungsangebote ermöglichen können.
Ehrenamtliche Initiativen sind dabei besonders auf finanzielle Förderung und unkomplizierte Förderverfahren angewiesen. Gleichzeitig können öffentliche Begegnungsorte wie Nachbarschaftstreffs oder Mehrgenerationenhäuser sowie Beratungsangebote und niedrigschwellige Möglichkeiten zum freiwilligen Engagement dazu beitragen, gesellschaftliche Teilhabe zu erleichtern. Ein wichtiger Ansatzpunkt in diesem Zusammenhang sind sogenannte „Dritte Orte“. Dabei handelt es sich um Orte außerhalb des eigenen Zuhauses und des Arbeitsplatzes, an denen Menschen freiwillig und kostenlos zusammenkommen können.
Gemeinsam gegen Einsamkeit: Möglichkeiten und Perspektiven
Ein passendes Ehrenamt zu finden, ist angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Angebote oft gar nicht schwer. Dabei sind Vorkenntnisse in den allermeisten Fällen nicht nötig. In manchen Bereichen kann dagegen eine individuelle Expertise – beispielsweise durch den Beruf, Fremdsprachenkenntnisse oder andere persönliche Hintergründe – gezielt eingebracht werden. Auch der zeitliche Aufwand lässt sich durch die vielseitigen Angebote meist gut an die individuellen Möglichkeiten anpassen.
Im Land Schleswig-Holstein koordiniert „engagiert-in-SH“ die Vergabe von Ehrenamtsstellen, stellt Informationen rund um das Ehrenamt bereit und führt eine Liste mit Ehrenämtern in Schleswig-Holstein. Gebraucht zu werden ist wichtig – und die Gesellschaft braucht Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Ganz nach dem Motto „Wo Ehrenamt stattfindet, ist Gemeinschaft“.
Für die kommenden Jahre gilt es, den vielen engagierten Menschen geeignete Rahmenbedingungen zu bieten, weitere Begegnungsorte zu schaffen und Förderprogramme niedrigschwelliger zu gestalten.
Text: Lucie Seibt
Fußnoten
- 1
https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/tk-einsa…
- 2
https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/themen/soziales/eh…
- 3
„Freiwilliges Engagement in Deutschland – Zentrale Ergebnisse des Sechsten Deutschen Freiwilligensurveys“