Folgende Lesungen fanden - wie geplant - statt:
- Integrierte Gesamtschule Kiel-Friedrichsort (igf)
mit 60 Jugendlichen
- Polizeischule Eutin
mit ca. 300 PolizistInnen
- Universität Kiel
mit etwa 50 TeilnehmerInnen
- Ernst-Barlach-Gymnasium Kiel
mit 60 Jugendlichen
Insgesamt konnten somit gut 500 Menschen erreicht werden.
Besonders erwähnenswert ist, dass Umeswaran Arunagirinathan weit über das Fluchtgeschehen hinaus Informationen lieferte, über Kindersoldaten, Schlepper, Alltags- und Lebenssituationen für Kinder in Kriegsgebieten, das Leben in Deutschland mit ungesichertem Bleibestatus, die seine Situation als Ausländer in einem Land, in dem er sein Zuhause sieht und auf Dauer bleiben möchte.
An allen Veranstaltungsorten beteiligten sich die ZuhörerInnen lebhaft an den Diskussion; bemerkenswert ist die Einführungsrede des Leiters der Eutiner Polizeischule, Herrn Kobza:
"Sehr geehrter Herr Arunagirinathan, sehr geehrter Herr Boßmann,
herzlich willkommen bei der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung und für die Bereitschaftspolizei.
Wir freuen uns, dass Sie heute aus Anlass des Weltkindertages bei der PD AFB eine Autorenlesung präsentieren. Hierfür schon jetzt ein herzliches Dankeschön.
Zu dieser Lesung heiße ich Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, sowie die Anwärterinnen und Anwärter der Ausbildungsbereiche herzlich willkommen.
Viele, die heute hier sind, werden sich im Vorfeld dieser Veranstaltung gefragt haben:
Eine Lesung am Weltkindertag? Was hat dies zu bedeuten? Und: Was hat Polizei hiermit zu tun?
Viel, sage ich. Man braucht nur die täglichen Lagemeldungen oder die Tageszeitung zu lesen.
Aber es geht im Kern eigentlich nicht um den Weltkindertag.
Auch wenn das Buch "Allein auf der Flucht - Wie ein zwölfjähriger tamilischer Junge nach Deutschland kam" eben von einem Kind handelt, so ist diese Lesung nicht an den Weltkindertag gebunden, denn das, was wir hier erfahren, ist nicht der Stoff für einen Erinnerungstag, sondern leider alltägliche Wirklichkeit in vielen Teilen der Erde.
Dies könnte auch der Bericht über die Erlebnisse eines Erwachsenen sein. Dass dies alles ein Kind erleben musste, macht es nur noch schrecklicher, berührt uns aber auch umso tiefer.
Worum geht es?
Es geht um das Leben eines Kindes in einer Welt, die sich von der unserigen so gänzlich unterscheidet, und es geht um den gefahrvollen, kaum beeinflussbaren Weg durch die halbe Welt in ein für dieses Kind gänzlich neues Leben.
Es geht hierbei um Diskriminierung, Verfolgung und den Tod, um Not, Angst und Leid, aber auch um Vertrauen, Zusammenhalt und eine nie versiegende Hoffnung, denn vor uns sitzt ein junger Mann, der trotz all dem Erlebten das Lächeln und Lachen nicht verlernt hat.
Und plötzlich wird uns bewusst, welche Bedeutung die von der UNO abgegebene Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat. Sie wird konkret!
Diese beginnt mit der Feststellung, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.
Im Wesentlichen enthält die Erklärung die Rechte auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person; auf Bildung; auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; die Rechte auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung, auf Arbeit sowie das Recht vor Verfolgung in anderen Ländern Asyl zu suchen und zu genießen. Dazu kommen Freiheit von Angst, Not, Folter und Sklaverei.
Beim Lesen des Buches "Allein auf der Flucht" brennt sich in unser Bewusstsein ein, was wir abends distanziert als Nachricht der Tagesschau wahrnehmen, nämlich dass es noch viele Menschen auf dieser Erde gibt, für die diese Erklärung keine praktische Bedeutung hat.
Zugleich werden wir unserer Ohnmacht gewahr.
Was bedeutet dies nun für uns?
Zunächst:
Dankbar zu sein, wie wir unser Leben führen können? Dies wäre immerhin schon etwas, aber mir persönlich zu wenig.
Der Leitende Kriminaldirektor Gerhard-H. Müller, ehemaliger Leiter der Landespolizeischule Hamburg, hat im Jahre 2005 bei der Vereidigung von jungen Beamtinnen und Beamten gesagt:
"Die Polizei ist übrigens die größte Menschenrechtsorganisation".
Damit sind wir als Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte, die den Eid auf die Verfassung geleistet haben, Menschenwürde und Menschenrechte zu schützen, mitten im Thema.
Allen ist dabei klar:
Wir verändern nicht die Verhältnisse in Sri Lanka, im Kongo oder anderswo auf der Erde, wo Menschenrechte missachtet werden. Wir können auch nicht das Bleibe- und Aufenthaltsrecht in Deutschland verändern.
Aber wir können unsere Sicht der Dinge heute prüfen. Wo stehe ich eigentlich persönlich? Bin ich mir eigentlich hinreichend bewusst, was Menschenrechte konkret bedeuten?
Und eines ist ganz wichtig:
Wir sind sichtbare Repräsentanten unseres Staates und damit des überwiegenden Teils der Menschen, die hier leben. Wir haben dafür Sorge tragen zu tragen, dass die Polizei sich den Menschen anderer Kulturen und ihren Sorgen in unserem Land zuwendet, ihre Nöte und Sorgen versteht, ernst nimmt und keinesfalls wegschaut, wenn unsere Hilfe benötigt wird.
Und der von Herrn Arunagirinathan geschriebene, in den Lübecker Nachrichten veröffentlichte und in seinem Buch abgedruckte Brief, in dem er seine Angst schildert, wenn er Leuten begegnet, die wie Neonazis aussehen, zeigt, dass die Polizei, aber auch Zivilcourage, in diesem Zusammenhang mehr denn je gefordert ist.
Im Kern geht es daher heute um ein Stück Menschenrechtsbildung!
Und die Inhalte von Berufsethik, Politischer Bildung sowie die Begriffe Menschenwürde und Menschenrechte bekommen heute ein Gesicht.
Freuen wir uns nun auf eine interessante Lesung.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."