Es sind schon mehr als 56 Jahre vergangen, seitdem ich erstmals den Boden einer großen Industriestadt Deutschlands betrat. Vieles ist vergessen, aber im Gedächtnis sind die schweren Jahre der Sklaverei geblieben.
Man brachte uns im Oktober 1942 in Güterzugwaggons nach Kiel. Man ließ uns auf einem Platz Aufstellung nehmen. Wir wurden sortiert. Als Hausmädchen - die Schönen, als Bauern - die Starken, aber uns, die Kleinen, Schmächtigen wurden von einem Vertreter der Schiffbauwerft von Krupp eingesammelt. Aus der Gruppe wurden wir 20-30 Leute in ein Lager außerhalb der Stadt gebracht. Dort waren schon ausländische Arbeiter - Italiener. Wir Russen wurden in einen einzelnen Block eingewiesen. Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt. Sich aus dem Lager zu entfernen, war verboten. Zur Arbeit mußten wir sehr früh aufstehen. Es war dunkel. Die Arbeitskolonnen wurden von Menschen in schwarzen Uniformmänteln bewacht. Wir wurden zu den Güterzugwaggons getrieben und in ihnen fuhr man uns auf die Werft. Dort gingen wir an unsere Arbeitsplätze, wo uns die Meister erwarteten.
Ich wurde zu einer alten Reinemachefrau geschickt. Sie gab mir eine Aufgabe und hat meine Arbeit beobachtet. Ich habe diese Frau in guter Erinnerung, weil sie mit meiner Mutter Mitleid hatte, die um mich Angst hat. Wir reinigten die Zimmer in einem großen Verwaltungsgebäude im Konstruktionsbüro. Dort arbeiteten Jugendliche an Zeichenbrettern. Die Jugendlichen verhielten sich anfangs zurückhaltend uns gegenüber, aber mit Neugier. Als sie sich an uns gewöhnt hatten, machten sie sich unauffällig mit uns bekannt und brachten uns kleine Geschenke mit: Strümpfe, Seife, Waschpulver, Kämme, Brote und anderes. Auf der Arbeit wurden wir getrennt von den Deutschen verpflegt.
Der Keller war der Luftschutzraum. Als ein Bombenangriff war, jagte man uns Russen auf die Straße. Einmal war ein großer Angriff. Es wurden viele Gebäude zerstört. Aber keiner von den Russen kam um. Nach diesem Vorfall wurden auch wir in den Luftschutzkeller gelassen.
Bald danach wurde ich zur Arbeit in den Werkstätten herangezogen, wo Heranwachsende arbeiteten. Ich räumte in den Werkstätten und in der Kantine auf, ich wusch das Geschirr nach dem Mittagessen ab. Die Werkstatt befand sich auf einem einzelnen Hof über die Straße.
Das war ein einstöckiges Haus mit einem Luftschutzkeller. Oben war die Kantine und im Erdgeschoß die Werkstatt. Rechts war das Kesselhaus und links war ein kleines Bürogebäude. Dort arbeiteten der Chefingenieur und einige Frauen. Ich erinnere mich nicht an den Namen des Ingenieurs, aber ich verdanke ihm mein Leben. Er war ein großer, kräftiger Mann. Er redetet nie mit mir, beachtete mich auch nicht, wenn ich in seinem Büro aufräumte. Er ging einfach aus seinem Büro in die Werkstatt.
Einmal als die Stadt bombardiert wurde, versteckte ich mich im Kesselhaus, weil die Heranwachsenden mich nicht in den Luftschutzraum einlassen wollten. Eine kleine Bombe fiel auf die Werkstatt, schlug das Dach und den Boden der Werkstatt durch. Eine Luftwelle und Steine erstickten die Flammen im Kessel. Von den Abgasen verlor ich das Bewußtsein. Ich wäre gestorben, wenn der Ingenieur mich nicht an die Luft getragen hätte.
Im Lager hielt ich Freundschaft mit Sonja, die als Reinemachefrau im Hauptgebäude arbeitete. Sie konnte Deutsch reden und traf sich häufig mit deutschen Arbeitern. Ich schloß Bekanntschaft mit dem Schlosser Hans und dem Hofarbeiter Max. Sie brachten uns Schnitten mit und gaben sie Sonja.
Zu dieser Zeit wurden wir in ein anderes Lager gebracht, wo viele Russen waren. Die Baracken standen unweit von den Eisenbahngleisen. Sie waren ebenfalls mit Stacheldraht umzäunt. Wir nannten dieses Lager "Damgarten". Es befand sich außerhalb der Stadt und wir wurden von Wachleuten in schwarzen Uniformmänteln auf die Arbeit gebracht.
Unsere Bekannten Hans und Max holten unsere Kolonne mit dem Fahrrad ein. Einer von ihnen hat die Wachleute abgelenkt mit Gesprächen. Der andere übergab uns eine Tasche, die wir schnell auspackten. In der Tasche waren Waschpulver, Seife, Zahnpaste, Kämme, Papier usw. Bei der zweiten Fahrt nahm er die Tasche wieder mit.
Nach Neujahr 1943 wurde den Arbeitern gestattet, Russen für die Feiertage zu Hausarbeiten zu nehmen. Erstmals nahm ein Arbeiter in der Uniform eines ehemaligen Militärs mich und Sonja zu sich nach Hause. Wir stopften Strümpfe. Wir halfen seiner Frau, das Essen vorzubereiten, so lange der Hausherr nicht zu Hause war. Die Frau fragte uns über unsere Familien, Eltern und Rußland. So endete unser Arbeitstag. Als der Hausherr ankam, wurden wir verpflegt, man gab uns Pakete und wir wurden ins Lager gebracht.
Beim zweiten mal nahm uns Hans mit zu seiner Familie. Er war mittelgroß mit blonden Haaren, blonden Augenbrauen und blonden Augenlidern. Seine Frau hatte Piroggen gemacht, Kaffee und etwas Gebratenes. Wir erzählten viel, Sonja übersetzte. Sie interessierten sich für unsere Familien, die Eltern und Moskau. Viele Fragen stellte ihr Sohn. Er war 10-12 Jahre. Er spielte auf dem Akkordeon deutsche Volkslieder und ganz, ganz leise die Internationale.
Am Ende des Frühjahrs 1943 hat uns Hans zur Arbeit in seinem Garten mitgenommen. Max hat sich ihm angeschlossen. Wir gingen durch ein kleines Wäldchen. Sie wurden von Freunden angehalten. Worüber sie sprachen, haben wir nicht verstanden, aber die Rede ging über die Russen. Im Garten hatte die Frau von Hans Mittag vorbereitet. Für uns war alles interessant. Es kamen die Nachbarn. Alle verhielten sich zu uns freundlich. Zurück gingen wir alle zusammen. Hans gab uns mit Paketen beim Wachmann ab. Bald danach brachte Sonja ein Paket von Hans. Das war ein Aufruf an die Russen. Man mußte es irgendwie verteilen. Während der nächsten Bombardierung, als alle in die Luftschutzräume liefen, haben wir den Aufruf in der Baracke an die verteilt, die wir gut kannten.
Am 26. August 1943 morgen ging ich aus der Baracke auf Arbeit. In dieser Zeit ging der Übersetzer vorbei und sagte mir, daß ich auf der Wache der Schiffswerft bleiben sollte. Ich erinnerte mich, daß in meinem Schrank ein Paket lag. Ich ging zurück und zusammen mit Sonja versteckten wir es unter einem Stein hinter der Baracke. Am Werkseingang habe ich nicht gewartet, sondern ging in das Werk. Ich sah Hans. Sonja hat ihm über mich erzählt. Er beruhigte mich: "Es wird alles gut."
Auf der Wache hat mich der Übersetzer eingesammelt und mich durch die Straßen der Stadt geführt. Es war beeindruckend. Die Straße war bereit, gewaltig und sauber. Die Häuser waren hoch und unterschiedlich. Der Tag war klar und sonnig. Die Luft roch nach Meer.
Wir kamen in ein großes, grau-schwarzes Haus. Der Übersetzer hat ein Dokument vorgelegt, und die Wache hat uns durchgelassen. Hinter uns verschloß sich die Tür. Ich dachte, man hat mich zum Aufräumen des Gebäudes hergebracht. Der Übersetzer hat mich allein gelassen und ging ins Kabinett. Als er herauskam, sagte er: "Ljudmila, ich gehe und Du bleibst hier". Ich wartete lange. Es kam ein anderer Übersetzer und brachte mich ins Kabinett. Das war mein erstes Verhör. Mir wurde das Flugblatt gezeigt, und man fragte mich, woher ich es habe, und wer mir es gab. Ich habe alles verneint. Ich wurde geschlagen und in den Gestapokeller geworfen. Bei der Durchsuchung meines Schrankes fand man eine kleine Karte von Deutschland, die man mir zeigte. Man forderte, daß ich sagte, wer sie mir gab. Man zeigte mir Fotografien von Arbeitern, aber ich kannte keinen, und deshalb verneinte ich alles. Die Erinnerung an die Schläge blieben das ganze Leben. Das war schrecklich.
Nach 3 Tagen wurde ich in das Gefängnis verlegt, das sich in der Straße mit dem schönen Namen "Blumenstraße" befand. Eine Einzelzelle von 9 Schritt Länge. Das Bett wurde am Tage an die Wand geklappt. Einen Tisch gab es nicht, Stühle gab es auch nicht. In der Ecke - "der Schieber". Manchmal wurden wir in den Hof zum Ausgang gebracht. Ich wurde im Gefängnis von 3 Militärs, offenbar Richter, zu "Politischem KZ Ravensbrück ohne Rückkehr" verurteilt.
Über die Gefängnisse Hamburg, Neubrandenburg, Berlin-Alexanderplatz, Neumünster und andere kam ich am 30. September 1943 in Ravensbrück an, wo ich an Stelle meines Familiennamens die Lagernummer 23748 bekam.
15.3.99 L. Muratova