Seit 1991 herrscht in Tschetschenien Krieg. Ging es damals, unmittelbar nach dem Zusammenbruch der UdSSR, um die Unabhängigkeit, begann Russland 1999 mit der Rückeroberung. Mindestens die Hälfte der Bevölkerung hat das Land verlassen, wohnt teils anderenorts in Russland, vielfach aber auch in Westeuropa.
In Tschetschenien wurde der offene Krieg abgelöst durch eine brutale Besatzungsherrschaft. Eine willfährige einheimische Elite kollaboriert mit der Besatzungsmacht, stellt Präsident und Vizepräsident, die Milizen und Spitzel. Der russische Geheimdienst handeln ohne Kontrolle und ohne Bindung an Gesetze. Jede Nacht verschwinden Menschen, andere werden in offiziellen und inoffiziellen Gefängnissen ohne Anklage und ohne Kontakt festgehalten. Die finanziellen Mittel für den Wiederaufbau verschwinden zu einem großen Teil in unsichtbaren Kanälen.
Der Krieg 1999 bis 2001 war spektakulär und Thema in den Nachrichten. Die heutige Repression ist unspektakulär. Die Medien werden nur aufmerksam, wenn eine prominente Kritikerin von Putins Tschetschenien-Politik wie Anna Politkowskaja in Moskau erschossen wird (Okt. 2006).
Die Anerkennungsquote tschetschenischer Flüchtlinge in Deutschland ist niedrig. Die Flüchtlinge hier leben häufig in Ungewissheit. Sie bekommen kein Bleiberecht, werden aber auch nicht abgeschoben. Die öffentliche Auseinandersetzung mit den Problemen ihres Herkunftslandes und der russischen Politik ist schwierig, weil sie um Leben und Gesundheit ihrer Angehörigen in Russland fürchten müssen.
Wir möchten mit einer Ausstellungen das Herkunftsland dieser Flüchtlinge vorstellen, weil das für die Betroffenen selbst schwierig ist. In Kiel soll die Ausstellung "Tschetscheniens Kinder - Tschetscheniens Zukunft" vom 27. April bis 19. Mai in der Stadtbücherei gastieren. Die Ausstellung soll von öffentlichen Veranstaltungen und von Besuchen fachkundiger ReferentInnen in Schulen begleitet werden.
Die Ausstellung stellte Barbara Gladysch aus eigenen Fotos zusammen. Die Autorin, Mitglieder der "Mütter für den Frieden", besuchte 1996 erstmals Tschetschenien. Mit Freunden hat sie 1997 den "Kleinen Stern" (Rehabilitationszentrum für traumatisierte Kinder) in Grosny (Hauptstadt Tschetscheniens) gegründet. Seitdem fährt sie jedes Jahr nach Tschetschenien zu "ihren" Kindern, sie besucht die Kinderzelte vom "Kleinen Stern" in den Flüchtlingslagern in Inguschetien und in den vielen kleinen versteckten Räumen in den Ruinen von Grosny.
Barbara Gladysch brachte aus Tschetschenien und aus den Flüchtlingslagern Hunderte Fotos mit, ebenso Hunderte Kinderzeichnungen. Beide sind nun in der Ausstellung zu sehen, Einblicke in die Seelen der Kinder: Kinder sind sowohl Beobachter als auch zugleich Opfer von Krieg und Verfolgung. Jedes Kind hat seine eigene Ausdrucksweise. Dagegen sind die Fotos eine Dokumentation aus dem Blickwinkel von Barbara Gladysch.
Beide Sichtweisen, die Kinderzeichnungen und die Fotos geben zusammen zwei Wirklichkeiten eines der bedeutendsten Herkunftslandes von Flüchtlingen wider: Die Angst der Kinder vor der Fortsetzung ihres Leidens, die Konfrontation mit Krieg und Terror sowie die Überlebenskraft, die positive Energie der Kinder, ihr ansteckendes Lachen und ihre kindliche Freude am Spiel und am Leben. So werden die Fluchtursachen anschaulich und nachvollziehbar.