An den Hochschulen gibt es viele ungenutzte Potentiale, um Forschung und Lehre mit gesellschaftlichen Diskussionen und Entwicklungen zu verknüpfen und politische Debatten und praktisches Handeln auf dem Campus zu verbinden. Das ist Rahmen und Ergebnis einer bundesweiten Hochschultour, die die Heinrich-Böll-Stiftung in diesen Wochen unter dem Motto "WISSEN WAS WIRKT" quer durch die Republik veranstaltet und die Mitte Mai auch an der Kieler Christian-Albrechts-Universität Station gemacht hat.
In den Veranstaltungen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ging es vor allem darum, was Hochschule zur Abwendung der Klimakrise beitragen kann. Und da gibt es vielfältige Möglichkeiten, schon im praktischen Alltag. Das beginnt bei der Bedeutung von ökologisch bewusstem Einkaufen in Verwaltung und Mensen und reicht über den sparsamen Einsatz von Ressourcen in allen Bereichen bis hin zum klimabewussten Bauen und energetischen Sanieren.
In einer Gesprächsrunde mit Fachleuten wurde deutlich, dass der Denkmalschutz, der für Teile der Kieler Universität gilt, dem Klimaschutz nicht grundsätzlich im Wege steht. Andererseits gilt er in den Augen vieler Studierenden als Sinnbild für Stillstand bei der herbeigesehnten Modernisierung ihrer Hochschule. Hier gibt es weiterhin großen Gesprächsbedarf, denn bei aller Notwendigkeit der Sicherung von Kulturgütern kann ein umfassendes klimabewusstes Handeln auf dem Campus nur gelingen, wenn sich alle Akteure mit ihrem akademischen Lebens- und Arbeitsumfeld identifizieren.
Eine weitere Gesprächsrunde befasste sich mit der Forderung, die globalen Auswirkungen der Klimakatastrophe sowie die möglichen Gegenstrategien in Forschung und Lehre aller wissenschaftlichen Disziplinen stärker zu verankern. Einigkeit herrschte darüber, dass die akut drohenden Klimaveränderungen eine derartig gravierende Dimension hätten, dass Hochschulen hier in einer besonderen Verantwortung stünden.
Um diese Verantwortungsethik ging es auch in einer Debatte zur gesellschaftlichen Verortung von WissenschaftlerInnen. Dabei wurde am Beispiel der CCS-Technologie (Kohlenstoffspeicherung) deutlich, wie wirtschaftliche Interessen Einfluss auf Ausstattung und Orientierung von Forschung und Lehre gewinnen können und damit emanzipatorische Aushandlungsprozesse um die Öffnung zukünftiger Perspektiven in den Hintergrund drängen.
In der Diskussionsrunde zu den Auswirkungen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise machten VertreterInnen aus dem Bereich der Wissenschaft und der Erneuerbaren Energiewirtschaft deutlich, dass die Chancen für eine Kehrtwende hin zu einer klimaverträglichen Wirtschaftspolitik bei weitem nicht genutzt würden, obwohl dies mit dem derzeitigen Einsatz der enormen Finanzmittel für Konjunkturprogramme durchaus gut verbunden werden könnte.
Um sehr grundsätzliche Hochschulpolitik ging es dagegen im ersten Grünen Wissenschaftssalon, zu dem die Böll-Stiftung und die Grüne Hochschulgruppe geladen hatten und in dessen Zentrum eine sehr engagierte Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Bolognaprozesses und damit der Einführung von Bachelor und Master stand.
Die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein wird diesen Diskussionsprozess fortsetzen und plant weitere Veranstaltungen an der Kieler Universität.
Die deutschlandweite Campustour "WISSEN WAS WIRKT" erreicht ihren Höhepunkt am 27. Juni 2009 mit einer abschließenden Konferenz in Berlin unter dem Titel "Die Hochschule, die wir brauchen".
Mit der Campustour nimmt die Heinrich-Böll-Stiftung die Hochschulen als diskursive Orte ernst. Gegen den Trend, Hochschulen als reine Dienstleistungsunternehmen zu begreifen, müssen politische Debatten in die Hochschulen zurückgeholt werden. Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, der Klimawandel und der Zustand unserer Demokratie müssen wieder verstärkt auf die Tagesordnung der Hochschulen zwischen Freiburg und Flensburg gesetzt werden. In diesen Debatten sind die Hochschulen als Orte gefragt, an denen relevantes Wissen produziert und die Zukunft der Gesellschaft reflektiert wird. Hochschulen sind keine bloßen Produzenten von Fachwissen. Ihre Aufgabe besteht vor allem auch darin, Orientierung in einer komplizierten Welt zu geben. Nicht zuletzt sind die Studierenden von heute diejenigen, die unsere Welt von morgen mit gestalten. (
www.boell.de/campustour).
Heino Schomaker