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Oleksandr Malovytsia - Mit 15 Jahren nach Schleswig-Holstein verschleppt
 

Oleksandr  Malovytsia nach 67 Jahren auf Besuch in Schleswig-Holstein

Oleksandr  Malovytsia, geboren am 11.10.1926 in der Ukraine, lebt heute von einer kleinen Rente in Kiew  und besucht in der Zeit vom 26. April bis 11. Mai 2008 auf Einladung der Friedrichsorter Bürgerinitiative "Gedenkstein für Zwangsarbeit" und der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein jene Orte, in denen er vor über 60 Jahren zwangsarbeiten musste. Es gibt ein umfangreiches Programm mit offiziellen Terminen, Begegnungen mit deutschen ZeitzeugInnen (u.a. in der Gedenkstätte Ladelund), Gesprächen mit SchülerInnen der Europaschule Christian-Timm-Realschule in Rendsburg, einen Empfang in der Jüdischen Gemeinde (Kiel, Eckernförder Str.) sowie eine öffentliche Veranstaltung im Kulturladen Leuchtturm in Kiel-Friedrichsort  (An der Schanze 44, Haltestelle "Brauner Berg", Linie 502) am Donnerstag, 8. Mai 2008, um 19 Uhr.
Der Besuch wird gefördert durch den Fonds "Erinnerung und Zukunft" der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", Berlin.


 
 
Oleksandr  Malovytsia  war gerade einmal 15 Jahre alt und Schüler der 7. Klasse, als die Deutschen ihn und etwa 150 bis 200 weitere Menschen bei einer Razzia auf einem Markt im Zentrum einer Kiewer Siedlung verhafteten. Alte und ganz kleine Kinder, also solche, die nicht für arbeitsfähig gehalten wurden, konnten den Platz wieder verlassen - alle anderen wurden unter Aufsicht zu einer Sammelstelle, die sich in einer Schule befand, getrieben.

"Wir blieben etwa 3 Tage in dieser Sammelstelle. Die Deutschen befahlen, allen Angehörigen der Verhafteten für 10 Tage Bekleidung und Essen herbeizuschaffen. Das taten meine Eltern natürlich auch. Und so bekam ich wenigstens noch die Möglichkeit, mich von ihnen und den beiden kleineren Brüdern  zu verabschieden. Das war offiziell sogar erlaubt. Alle weinten fürchterlich. Die Angst, was uns bevorstehen sollte, die völlige Ungewissheit darüber, was man mit uns vorhatte, war einfach schrecklich: Ich erinnere mich auch heute noch sehr genau besonders an die endlosen Tränen meiner Mutter, als mich meine Angehörigen auf dem Bahnhof  ins Ungewisse verabschiedeten.

Ich befand mich dann zusammen mit etwa 40 anderen in einem Güterwaggon. Es gab nur Stroh auf dem Boden - sonst nichts. Etwa 10 Tage ging es, nachdem wir die ukrainische Grenze überquert hatten, über das polnische Lublin zunächst nach Belgien. Viel bekamen wir von der Strecke nicht mit, weil wir lediglich durch 4 Gitterfenster,  ca. 50 x 50 cm an der Decke der Waggons, etwas sehen und beobachten konnte.

Im Güterwaggon weinten die Menschen oder spekulierten wild darüber, was die Deutschen wohl mit ihnen vorhätten und wie lange das dauern würde. Gab es unterwegs einen Lokomotiventausch, durften wir den Waggon nicht verlassen. Hin und wieder gab es aber kurze Stopps, in denen wir auf die Felder durften; zuerst gingen Frauen "nach rechts",  danach die Männer "nach links". Die Wachleute standen neben dem Zug.
Ansonsten saßen unsere Aufseher in speziellen Waggons, vorne, in der Mitte und am Ende des Zuges. In den Waggons selbst war kein Soldat oder Aufseher. Uns gegenüber haben die sich weitgehend "korrekt" benommen. Einigen von uns ist sogar - noch auf ukrainischem Territorium - die Flucht gelungen.

Während der Fahrt bekamen wir - außer Wasser hin und wieder - nichts zum Trinken, und erst viel später etwas Suppe.
Zunächst trafen wir in einem belgischen Ort (Lieges ?) ein, wo wir in Kohlegruben arbeiten mussten - eine körperlich sehr, sehr anstrengende Arbeit bei fast keiner oder nur sehr schlechter Verpflegung.
Nach kurzer Zeit flohen ein ukrainischer Kamerad und ich frühmorgens aus dem Bergbau und landeten unbemerkt auf dem belgischen Bahnhof. Richtung Osten stand ein Gütertransport mit laufender Lok, und wir dachten, der Zug könnte uns wieder zurück in die Heimat bringen. Wir blieben die gesamte Fahrt über unentdeckt - kamen jedoch nicht in der Ukraine, sondern in Kiel an!   

Nachdem wir also in Schleswig-Holstein gelandet waren, wurden wir entdeckt, verhaftet und zur Gestapo gebracht, die uns körperlich ziemlich zusetzte, weil sie Hintermänner vermutete, die es gar nicht gab. Nach etwa  Wochen wurde ich auf Anweisung des Arbeitsamtes Kiel nach Achterwehr auf das Gut Hohenschulen gebracht. Hier musste ich - als Stadtjunge - mich ganz rasch mit landwirtschaftlichen Arbeiten vertraut machen:
Im Frühling pflügte ich den Acker mit den Pferden, sammelte Steine, bereitete Heu für Kühe (150) - außerdem musste ich Gras mähen, trocknen und zum Hof schleppen. Auf  dem Rübefeld jätete ich Unkraut, per Hand oder mit den Pferden.
Im Sommer war ich beschäftigt mit  Saatpflege, Mähen und Gerben zur Scheune bringen,  Heuvorräte anlegen, Steine sammeln, Gartenarbeiten usw.
Im Herbst bekam ich den Auftrag die Rüben zu ernten, zu pflügen, Brennholz zu besorgen, Kartoffen zu sammeln und Früchte im Garten zu ernten usw.
Im Winter hatte ich Gerben zu dreschen, Mist auf die Felder zu verteilen und Rüben zum Gutshof  zu transportieren.
Eine besondere Aufgabe war die Pferdepflege.

Zum Kriegsende hin mußte ich in der Süderlügumer Gegend Panzerabwehrgraben ausschaufeln, weil dort Truppenlandungen der Alliierten vermutet wurden. Außerdem musste ich Flakgeschoße von den Transportgeräten entladen.
Ganz zum Schluß musste ich zusammen mit Deutschen aus benachbarten Dörfern viele Feuer im brennenden Kiel löschen.

Mein Tagesablauf in Achterwehr sah meistens so aus:
Sehr früh, meistens war es noch dunkel, kam der Hauptbrigadier Elias in den Pferdestall und rief "AUFSTEHEN". Das machten wir blitzschnell, erledigten unsere morgendlichen Bedürfnisse und frühstückten anschließend in der Küche.
In einem großen Raum  im Pferdestall warteten wir dann auf die Befehlsausgabe.  Die Arbeiten legten Brigadier Elias und  Verwalter Holsinger fest. Elia teilte jedem  seine  Aufgabe mit.  Um 12 Uhr  kehrten wir vom Feld zum Hof zum Mittagsessen zurück. Dann war eine Stunde frei, und wir arbeiteten anschließend weiter auf  dem Feld oder wo man uns hinbefohlen hatte.
Ein Arbeitstag hatte mindestens 12 Stunden. Wachpersonal, Aufseher oder andere militärische Amtspersonen gab es auf dem Gut nicht.
Sonntags war frei. Dann heftete ich mein "Ost"-Abzeichen ab (was verboten war) und besuchte andere UkrainerInnen in der Umgebung. Wir tauschten uns Neuigkeiten aus, spielten Karten oder gingen manchmal auch spazieren.

Untergebracht waren die Zwangsarbeiter, getrennt nach UkrainerInnen und PolInnen, in Verließen, die im Pferdestall provisorisch eingerichtet waren. Dort standen je 3 Betten übereinander. Wir hatten nur ganz dünne Decken. Wenn es besonders kalt war, behielten wir unsere Bekleidung an.
Draußen befand sich ein Plumps-Klo.

Auf dem Gut zwangsarbeiteten wir unter relativ  guten Umständen. Wenn es Probleme gab, dann mit  Verwalter Kryma und seinem Vertreter Holsinger . Der Verwalter (Gutsbesitzer?) Kryme war ein Nazi. Hin und wieder kehrte er auf Heimaturlaub von der Front nach  Hohenschulen zurück. Er und seine Familie hassten Russen. Für ihn wir alle waren Russen. 

Am Tag bekamen wir dreimal was zu essen. Meistens Suppe aus Magermilch, aber es reichte, um satt zu werden.
Einmal bekamen wir Suppe aus verfaulten Steckrüben. Alle Zwangsarbeiten äußerten, dass die Suppe ungenießbar sei. Ich sagte laut,  dass ich die nicht esse. Das hörte eine Köchin und erzählte dies weiter. Plötzlich öffnete sich die Tür, Kryme kam herein gelaufen und schlug mich heftig immer wieder ins Gesicht. Trotzdem hatte ich noch "Glück": Für so ein Verhalten wurden andere sofort ins KZ  geschickt.
Der Vertreter des Verwalters, Holsinger,  hat mich auch diverse Male geschlagen, und seinen Eifer unterstrich er wohl auch damit, dass er mich zweimal zur Strafe in den Norden Schleswig-Holsteins zum Bau von Panzergraben abkommandierte. 

Schon Tage vor der eigentlichen Befreiung konnten wir nicht mehr arbeiten, weil der Beschuß durch britische Flugzeuge nahezu ununterbrochen andauerte. Am 5 Mai 1945 kamen endlich die Engländer und befreiten uns.

Zurück in der Ukraine beendete ich meine Schulzeit, arbeitete 2 Jahre auf verschiedenen Baustellen und  studierte dann auf einer Bauhochschule, um anschließend als Ingenieur tätig zu werden.  Ich heiratete eine Lehrerin und habe eine Tochter, die heute  Ärztin ist."

Luba Chevyreva, Dieter Boßmann


 
 
 
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