radius of art

Das Projektbüro "radius of art" ist eine Initiative der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein in Kooperation mit dem Amt für Kultur und Weiterbildung der Landeshauptstadt Kiel: "radius of art" konzipiert, entwickelt und realisiert vielfältige Projekte im Kontext von Kunst, Kultur und Gesellschaft. Dazu zählen Veranstaltungsreihen und Vorträge genauso wie Workshops Austauschprojekte und Symposien im Bereich Bildende Kunst, Musik, Literatur, Film und Theater.
 
Mit interdisziplinären Ansätzen eröffnet das Projektbüro "radius of art" neue Zugänge zu gesellschaftsrelevanten Themen durch Kunst- und Kulturprojekte. Insbesondere im interkulturellen Austausch mit der euro-mediteranen Region ermöglicht es differenzierte Sichtweisen jenseits medialer Zerrbilder.

Der "radius of art" impliziert die vielfältige Positionierung von Kunst und Kultur bezogen auf gesellschaftspolitische Fragestellungen. Es geht uns um die inhaltlichen Reflexion von Themengebieten wie Geschichte, kulturelles Gedächtnis, öffentlicher Raum, Migration, Nachhaltigkeit, Gender und Menschenrechte mit Hilfe neuer Formate. Dabei spielen unsere vielfältigen Kooperationen und Vernetzungen mit Instituten wie Hochschulen, Vereinen, Initiativen und Gemeinden eine zentrale Rolle. Besonderes Gewicht kommt hier der Zusammenarbeit mit der Anna-Lindh Stiftung für den Dialog zwischen den Kulturen zu, die sich in Projektkooperationen und -förderungen ausdrückt.

Webseite radius of art >>

Wir laden ein zum dritten Atelierhausgespräch

„Tierisch menschlich“

im Rahmen der Ausstellung FLAMMENWERFEN von Bettina van Haaren
am Sonntag, 14.9.2014, 16.00 Uhr,
Atelierhaus im Anscharpark, Kiel

In den Selbstbildnissen von Bettina van Haaren spielen auch Tiermotive eine Rolle. Van Haaren thematisiert die Beziehung zwischen Mensch, Tier und Dingen und skizziert ethische Aspekte. Für uns ist daraus der Impuls erwachsen, uns ethischen Fragen zum Verhältnis „Menschen – Tier“ zu widmen. Damit verknüpfen wir nicht in erster Linie die Idee, den Intentionen der Künstlerin nachzuspüren. Uns geht es darum, mögliche Verbindungen von Kunst zu aktuellen Zuständen und gesellschaftlichen Diskussionen zu identifizieren und zu intensivieren, nach Wirkungsweisen und –möglichkeiten von Kunst zu fragen.
Was sind die prägenden Elemente des Verhältnisses von Menschen zu Tieren in einer Zeit, in der Lebensräume verbaut, die Meere vermüllt, die Luft verdreckt wird? Welche Auswirkungen hat der Verzehr von Tieren für die Lebenssituationen der Schlachttiere und für die Ernährungssituation von Menschen in globaler Dimension. Und tangieren Tiere als leidende Kreaturen letztlich nicht auch die Selbstwahrnehmung und die Würde des Menschen?

Spätestens an dieser Stelle sind wir wieder mitten in der Ausstellung FLAMMENWERFEN.
Wir laden herzlich zum Gespräch ein, das wir über eine Podiumsdiskussion eröffnen wollen. Dazu haben wir eingeladen:
Rainer Gröschl, Kunstverein Haus 8, e.V.
Dr. Ina Walenda, Geschäftsführerin des BUND Schleswig-Holstein
Veronika Mayer, Agrarwissenschaftlerin

Moderation: Anke Müffelmann, radius of art, Heinrich-Böll-Stiftung

Zusätzlich wird es im Rahmen des dritten Atelierhausgesprächs eine „literarische Präsentation“ der beiden Fleischatlanten geben, die von der Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit Le Monde diplomatique und dem BUND herausgegeben worden sind.

Hier geht’s zum Fleischatlas 2014: http://www.boell.de/de/fleischatlas

kuschelweich hartgesotten

kuschelweich hartgesotten - was schaffen Frauen in der Kunst.

Punkt, kein Fragezeichen!

Sollte es nicht gleich heißen: was Frauen in der Kunst schaffen, was Männer nicht schaffen?

Sind „typisch weibliche“ Themen, die Künstlerinnen bewegen Ausdruck von Autonomie und individueller Standortbestimmung oder wirken auch hier die bekannten gesellschaftlichen Exklusionsmechanismen, die Frauen in festgelegte Räume und Rollen drängen, ohne auf dem Kunst-Arbeits-markt bestehen zu können.

Gibt es fĂĽr KĂĽnstlerinnen ĂĽberhaupt eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

„Frauenkunst, im Sinne einer feministischen Kunst, ist als politische Kunst Anfang der 1970er Jahre aus den USA herübergeschwappt. Die drastischen Bilder waren in der allgemein revolutionären Aufbruchsstimmung etwas Besonderes. Die Anerkennung in Deutschland allerdings ließ auf sich warten und nicht selten wurden auch die hiesigen Künstlerinnen zuerst in US-Museen gezeigt wie Rosemarie Trockel beispielsweise oder Maria Lassnig.

Künstlerinnen entwickelten neue Ausdrucksformen und nutzten Medien wie Film, Performance und Installation mit Begeisterung. Das Private sollte politisch werden, die Erforschung einer weiblichen Ästhetik rückte ins Zentrum. Auch die Ironie, denn Geniekult und Überväter in der Kunst haben sich hartnäckig gehalten, bis heute.

Selbstverständlich ist vieles anders geworden und wir sehen Kunstprofessorinnen an den Akademien, Kuratorinnen in den Museen und Galeristinnen auf den Kunstmessen. Aber die offiziellen Studien, die vom BBK und dem deutschen Kulturrat durchgeführt wurden, belegen, dass die Kunst von Frauen es offensichtlich genauso schwer hat, sich zu behaupten, wie die Kunst der Kulturen jenseits des westlichen Kunstmarktes.

 

„steinhart – weichgespült“, der Titel für die laufende Ausstellung der vier Künstlerinnen im Atelierhaus Anscharpark, beschreibt assoziativ die aktuelle Lage von Frauen in der Kunst. Wo ist der Kampfgeist geblieben? Warum sprechen wir nicht von den Verhältnissen im Kunstbetrieb, die sich gegen Frauen richten? Und warum haben es Künstlerinnen so lange vermieden, überhaupt noch in weiblichen Kontexten ihre Arbeiten zu präsentieren?

Lange Zeit waren Ausstellungen von Frauenkunst out – erst jetzt in den letzten Jahren scheint sich ein neuer Trend abzuzeichnen, der es im Zuge einer aktualisierten Genderdebatte erlaubt, den Fokus wieder auf die Kunst von Frauen zu legen und ihr eigene Ausstellungskontexte zu widmen. Zu recht: denn die Zahl der professionellen Künstlerinnen steigt. Aber was ist wirklich in Gleichstellung und Chancengleichheit während den letzten 20 Jahren geschehen? Denn es sind viele Künstlerinnen, die in ihrer Arbeit beharrlich an der weiblichen Perspektive festgehalten haben und einen originären Blick auf die Welt bis heute formulieren.“

2. Atelierhausgespräch. Erinnerungskultur und Kunst: FESTGEHALTEN – Zeichnung I Erinnerung I Archiv

„Erinnerungskultur braucht die Kunst! Aber gilt das auch umgekehrt?“ Diese Frage des Politikwissenschaftlers und Historikers Dr. Harald Schmid brachte die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Verhältnis von Erinnerungskultur und Kunst, die im zweiten Atelierhausgespräch zur Sprache kamen, auf einen markanten Punkt. Allerdings konnte sie nicht eindeutig beantwortet werden und teilte damit das Schicksal von weiteren zentralen Fragen, mit denen sich die rd. 40 TeilnehmerInnen am letzten Sonntag konfrontieren ließen.

Vergangenheit ist unabwendbar. Es geht um die Erzählung des Vergangenen, um Vergessen und Erinnern, um Interpretationen und Deutungsmacht. Und es geht um handelnde Akteure aus Politik, Wissenschaft und Kunst und deren jeweilige Interessen. Die Erinnerung des Nationalsozialismus habe sich, so Schmid, seit langem aus einer Opposition zu staatlichem Handeln und gesellschaftlichen Debatten zu einem Mainstream entwickelt und sei in vielen Facetten ritualisiert. Dieses würde den machtpolitisch inspirierten Umgang mit Vergangenheit manifestieren. Die Aufgabe von Kunst sei es, mit der Kraft der subversiven Intervention öffentliche Kontrapunkt zu setzen und Rituale zu stören und zu hinterfragen.

Wie das aussehen kann zeigte Prof. Arnold Dreyblatt von der Muthesius Kunsthochschule mit Beispielen aus seinem sehr umfangreichen künstlerischen Schaffen. Mit unterschiedlichen Formaten bearbeitet Dreyblatt das Verhältnis von individuellem zu kollektivem Gedächtnis mittels Texten. Dabei geht es immer wieder darum, was wir erinnern und wer darüber entscheidet. Was wird gespeichert - und was nicht? Die Fülle von Informationen, die in den letzten Jahren insbesondere durch die Nutzung der Informations- und Kommunikationstechniken entstanden ist, macht Transparenz unmöglich – und damit auch eine öffentliche Verständigung darüber – was „wichtig“ ist und was „weg kann“.

Diesen Aspekt griff der Hamburger Künstler Augustin M. Noffke auf, dessen handgemalte Landschaftsgrafiken in der Rahmengebenden Ausstellung zu sehen waren. Für ihn wirft die Digitalisierung der Welt die Frage auf, ob und wie weit man heute noch von selbst erlebter Geschichte reden könne. Es gehe darum, den „Eros des Entdeckens“ neu zu entwickeln und den Menschen selbst als das wirklich wichtige „’Archiv“ zu verstehen. Im Zentrum stehe die Frage, ob die Kunst heute noch die Kraft habe, Bilder zu entwickeln, die in eine ernsthafte Konkurrenz zu den modernen Formen des Erinnerns treten könnten. Zum Schluss gelang Noffke eine Formulierung, die auch der Titel des Abends hätte sein können: „Das ist alles höchst kompliziert!“.

Das zweite Atelierhausgespräch im Anscharpark hat gezeigt, dass hier ein Format entsteht, in dem diese „höchst komplizierten“ Zusammenhänge sehr niveauvoll erörtert werden können, ohne unterschiedliche Zugänge und Wertungen zu priorisieren und offene Fragen oberflächlich zu den Akten zu legen. Das ist ein sehr viel versprechender Beginn.

 

Einladung zum Atelierhausgespräch

Erinnerungskultur und Kunst

„festgehalten“! – Zeichnung, Erinnerung, Archiv

Sonntag, den 2. März 2014 um 16 Uhr

Atelierhaus im Anscharpark, Heiligendammer StraĂźe 15, 24106 Kiel

Die laufende Grafikausstellung im Atelierhaus mit Arbeiten von Per Kirkeby und Augustin Martin Noffke ist auf großes Interesse in der Schleswig Holsteiner Kunst- und Kulturszene gestoßen. Sie ist noch bis zum 2. März zu sehen. Die Öffnungszeiten sind jeweils Do bis So 15-18 Uhr.

Im Rahmen der Finissage lädt die Heinrich-Böll-Stiftung SH erneut zu einem Atelierhausgespräch ein. Im Zentrum steht dabei das Thema „Erinnerungskultur und Kunst“ und die Frage nach einem möglichen, sich gegenseitig befruchtenden Dialog von historischer und künstlerischer Recherche. Der Politikwissenschaftler und Historiker Dr. Harald Schmid von der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten wird als Einleitung einen Impulsvortrag halten. Im Anschluss diskutiert er mit den Künstlern Augustin Martin Noffke, Hamburg und Arnold Dreyblatt, Professor für Medienkunst an der Muthesius Kunsthochschule Kiel.

Arnold Dreyblatt wird am Beispiel eigener Projekte das Wesen künstlerischer Archivarbeit erläutern. Augustin M. Noffke verbindet mit seinem zeichnerischen Werk auch die Suche nach einer Form der „Tiefenkultur“, die es in der flüchtig, situationsgebundenen Gegenwart kaum noch gibt.

Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr mit einem Glas Saft, Sekt oder Selter.

Moderation: Anke Müffelmann, „radius of art/Heinrich Böll Stiftung SH“.

Begrüßung: Rainer Gröschl, Kunstverein Haus 8.

Eine Einladungskarte finden Sie hier>>

Im Dezember letzten Jahres hat es im Rahmen der Ausstellung „kuschelweich hartgesotten“ das erste Atelierhausgespräch der Böll-Stiftung gegeben. Hier ist ein kurzer Bericht:

1. Atelierhausgespräch „kuschelweich hartgesotten“ am 22.12.2013 im Atelierhaus im Anscharpark

Ausstellungen sind ein guter Ort, um gesellschaftliche Debatten immer wieder neu aufzunehmen und zu beleuchten. Und so bot die Finissage der von vier KünstlerInnen gestalteten Ausstellung „steinhart weichgespült“ mit ihrem direkten Bezug zu Frauenwelten und –rollen eine gute Gelegenheit, die aktuelle gesellschaftliche Situation von Frauen in der Kunst zu reflektieren und zu diskutieren.

In ihrem Einführungsvortrag stellte die Kuratorin Heike Stockhaus von der Ernst-Barlach-Museumsgesellschaft in Hamburg die Geschichte feministischer Kunst in 3 Epochen vor und machte vor diesem Hintergrund eine aktuelle, kritische Bestandsaufnahme. Ihr Fazit: Die Situation von KünstlerInnen unterscheidet sich nicht von der gesellschaftlichen Situation von Frauen in anderen Bereichen. Auch in der Kunst sind Frauen auf allen Ebenen benachteiligt; neben der Mehrfachbelastung von Haushalt, Kindererziehung und Beruf erhalten sie geringere Einkommen und haben erheblich erschwerte Zugänge zu Hochschulen und Ausstellungen. Stockhaus wies auch darauf hin, dass Kunst heute vielfach ihrer ursprünglichen Rolle, Ausdruck einer Gegenwelt und authentischer Selbstverwirklichung zu sein, beraubt sei. Politische Kunst sei heute „out“. Kunstwerke seien heute in vielen Fällen als Auftragsarbeiten Produktivkapital und Optimierungsfaktor. Es gäbe wenige Künstlerinnnen, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen würden. Möglicherweise sei feministische Kunst selbst zum Tabu geworden.

In der anschließenden Diskussion unter den etwa 30 TeilnehmerInnen wurde deutlich, dass gerade jüngere Künstlerinnen andere Blicke auf ihre Arbeits- und Lebenswirklichkeiten haben. Hier steht oft nicht mehr die politische Auseinandersetzung im Zentrum, sondern ein pragmatischer und solidarischer Umgang mit bestehenden Benachteiligungen und Zugangsschwellen. Und es wird konstatiert, dass gerade im Kulturbetrieb zunehmend auch Männer mit geringen Einkommen und verbauten Berufswegen konfrontiert seien. Einig waren sich die TeilnehmerInnen aber darin, dass es spezifische Zugänge und Sichtweisen von Frauen gibt, die sich in der Kunst ausdrücken und gesellschaftspolitische Wirkung erzeugen sollten.

Die Diskussion hat gezeigt, dass die Situation von Künstlerinnen geprägt ist durch Mechanismen, mit denen sich Frauen auch in anderen Gesellschaftsbereichen konfrontiert und benachteiligt fühlen. Allerdings gehen jüngere Künstlerinnen offensichtlich pragmatischer mit diesen Situationen um.

Mit dem ersten Atelierhausgespräch haben wir das bundesweite Verbundprojekt der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Inklusive Gesellschaft“ in Schleswig-Holstein beendet.