Lernen aus der Vergangenheit

Der Nationalsozialismus und der verheerende 2. Weltkrieg sind Ereignisse der deutschen Geschichte, die bis in die heutige Zeit hinein wirken und denen sich jede politische Bildung in Deutschland stellen muss. Die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein bemüht sich, dieser Verantwortung auf unterschiedlichen Wegen gerecht zu werden.

Im Zentrum unseres Engagements in diesem Bereich steht das Thema "Zwangsarbeit". Während der Herrschaft der Faschisten sind viele Menschen, insbesondere aus Osteuropa, zur Zwangsarbeit gezwungen worden, unter menschenverachtenden Bedingungen und zum Teil über sehr lange Zeiträume. Wir haben in den letzten Jahren vielfach ehemalige ZwangsarbeiterInnen nach Schleswig-Holstein eingeladen, die hier - oft zum ersten Mal nach Ende des 2. Weltkriegs - die Orte ihrer Zwangsarbeit besucht und in schulischen und öffentlichen Veranstaltungen über diese Zeit berichtet haben. Wir zeigen Ausstellungen und Filme zum Thema Zwangsarbeit und beschäftigen uns, häufig gemeinsam mit jungen Menschen in und aus Osteuropa, im Rahmen von Seminaren und Workshops mit dieser Zeit. Darüber hinaus gehören wir zu den InitiatorInnen und VeranstalterInnen der schleswig-holsteinischen Gedenkstättentagungen.

Exkursion mit Studierenden der Muthesius-Kunsthochschule und der CAU zu Gedenkstätten und Erinnerungsorten in Schleswig Holstein

Auf Initiative der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein und der Muthesius Kunsthochschule haben vom 23. bis 24. April 2014 achtzehn Studierende der Medienklasse von Professor Arnold Dreyblatt und fünf Studierende der Geschichtswissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) eine zweitägige Exkursion zu den Gedenkstätten Ladelund, Gudendorf, Husum-Schwesing, Kaltenkirchen, Ahrensbök und Russee unternommen. Begleitet wurde die Exkursion von Prof. Arnold Dreyblatt, Mirjam Gläser, Anke Müffelmann und Dr. Harald Schmid. Motivation und Ausgangspunkt war das Kennenlernen der Orte und die Idee, an den Gedenkstätten gemeinsame künstlerische, wissenschaftliche Projekte zu realisieren.

In der Vorbereitungsphase im Januar war Harald Schmid in die Medienklasse der Muthesius-Kunsthochschule eingeladen, um in einem Vortrag über die Erinnerungskultur in Schleswig-Holstein und über die Arbeit der Gedenkstätten zu berichten. Im folgenden Verlauf des Sommersemesters 2014 wurde dann weiteres Hintergrundmaterial zu den einzelnen Gedenkstätten zusammengetragen. Insbesondere ein Praktikant der Heinrich-Böll-Stiftung, Marcel Karies, recherchierte sehr gewissenhaft zu den einzelnen Gedenkstätten und stellte eine umfangreiche Materialsammlung zusammen. Dieser konnte während der Exkursion auf der Busfahrt eingesehen werden.

Das erste Ziel, die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund, war durch die ausführliche persönliche Einführung vor Ort von Jochen Ihloff, dem Vorsitzenden des Ladelunder Gedenkstättenausschusses, gleichzeitig ein intensiver thematischer Einstieg. Großes Interesse fand der an der Straße gelegene, wenig markierte Informations- und Aussichtspunkt mit Blick auf den Ort der vormaligen, aber längst abgerissenen Lagerbaracken, der landwirtschaftlich und privat genutzt wird. Die Form der Geschichtspräsentation in der Gedenkstätte und an den Grabstellen regte viele Fragen bezüglich einer musealen Aufarbeitung von Orten und Objekten an.

Die weiteren Ziele an dem ersten Tag waren die Gedenkstätte Gudendorf und die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing. Auch hier lag das Hauptaugenmerk der Exkursionsteilnehmer/ innen darauf, neben den bereits vorhandenen Denkmälern oder künstlerischen Arbeiten die „Grundstimmung“ der jeweiligen Orte zu erkunden. Der von Harald Schmid vor Ort gelieferte Input zum Hintergrund der einzelnen Gedenkstätten und das gesammelte Material war hierfür immer wieder eine zentrale Grundlage. Assoziationsräume und atmosphärische Wahrnehmungen der vorhandenen Spuren und Reste taten sich in Gudendorf vor allem durch die Einbettung des Orts in die Natur auf. In Husum-Schwesing galt ein wichtiges Augenmerk den Fundament-Ruinen im Anfangsbereich neben den von Ulrich Lindow gestalteten künstlerischen Bereichen der Gedenkstätte.
Der für den Abend geplante Abschluss, ein Besuch der Neulandhalle, konnte leider nur rudimentär stattfinden, weil die Innenräume nicht für den Besuch geöffnet waren.

In der abendlichen Diskussion fiel es zunächst schwer, die Zugänge der Geschichts- und der Kunststudierenden aufeinander zu beziehen. Der jeweilige Umgang mit den vorhandenen Resten von Original-Objekten, die Präsentationsformen von historischen Inhalten und der persönliche Zugang als Besucher/in an den verschiedenen Orten wurde zum Teil sehr kontrovers aus den beiden Perspektiven diskutiert. Die Fragen: „Was bewegt mich, wie viel Freiheit bleibt für Assoziationen und Erleben, und was bedeutet das für die Authentizität der verschiedenen Orte?“ standen dabei immer wieder im Fokus. Die dahinterliegende Frage nach der richtigen Darstellungsform von Erinnerungen umkreiste dabei beispielsweise die unterschiedlichen Formen von Grabstätten oder den Umgang mit Opfernamen. Verkürzt gesagt: Wie viele und welche Informationen braucht man und welche Rolle - im Positiven oder Negativen - spielen Gegenstände an den Orten als authentisches Archiv von Erinnerung?

Sehr aufschlussreich war der Besuch der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen am folgenden Vormittag. Die Erläuterungen von Uwe Czerwonka und Uta Körby, wie und durch welche Akteure die ehemaligen Lager aus der Verdrängung ins öffentliche Bewusstsein geholt worden waren, ergänzten die Erkenntnisse des ersten Tages ganz wesentlich. Die sehr lebendige Schilderung der jahrelangen Feldforschung vor Ort war ein neuer Aspekt für die Gruppe und wurde anhand vieler Beispiele über die Arbeit mit Zeitzeugen sehr real dargestellt. Bei den Nachbesprechungen fanden diese Aktivitäten besondere Beachtung – vor allem Rituale, die den Opfern Namen und Identität zurückgaben als Geste für Trauer und Respekt.
Die nächste Station, die Gedenkstätte Ahrensbök, wurde ebenfalls als sehr eindrücklich wahrgenommen – im Wesentlichen auch wegen der detailreichen Darstellung zur Forschungen bezüglich des Todesmarsches in den Monaten vor Kriegsende. Die klar strukturierte Ausstellung in den sanierten Räumen sprach die Teilnehmer/innen dabei sehr an.

Den Abschluss der Exkursion bildete der Gedenkort „Arbeitserziehungslager Nordmark“ in Kiel-Russee. Hier stand bei fast allen die überraschende Einsicht im Vordergrund, dass sich in Kiel - sozusagen vor der eigenen Haustür – ein ehemaliges Lager befindet, ohne dass dies den meisten Studierenden bisher bekannt gewesen wäre. Auch entstand der Eindruck, dass dieser Erinnerungsort noch immer nicht ins volle Bewusstsein der Stadt gerückt ist. In der Nachbesprechung der Kunststudierenden wurden drei Punkte genannt, die ein potenzieller Fokus für weitere Auseinandersetzungen mit dem Thema sein könnten:
-eine zentrale, eventuell virtuelle oder mediale Gedenkstätte in Kiel schaffen
-weitere noch verdeckte Täter- und Opferorte in Kiel finden und markieren
-temporäre Arbeiten in Russee realisieren und installieren.

Ein Ergebnis der zweitägigen Fahrt ist die konkrete Überlegung der Heinrich-Böll- Stiftung solche Exkursionen in Zukunft in regelmäßigen Abständen für unterschiedliche Zielgruppen anzubieten.
Für die Studierenden der Muthesius- Kunsthochschule mündete die anregende Fahrt und anschließende inhaltliche Auseinandersetzung in ein Ausstellungsprojekt mit dem Titel „Zeitkapsel“ im ehemaligen Marinelazarett im Anscharpark Kiel (Haus 7). Das Projekt wird im Frühjahr dokumentiert und könnte dann weitere inhaltliche Anregungen bieten für künftige Projekte im Kontext von Erinnerungskultur und Kunst. Im Namen aller Beteiligten an dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank an die Gedenkstätten für ihre ausgesprochene Gastfreundschaft, Unterstützung und Informationsbereitschaft.

Bericht des Liquidatorenbesuchs

Vom 04. bis zum 11. Mai 2014 hatten wir ganz besonderen Besuch in der Heinrich-Böll-Stiftung- Anatolij Rutschiza und Anna Negatina aus der, zurzeit ja sehr bewegten, Ukraine. Allerdings war die aktuelle politische Situation in ihrem Heimatland nicht der eigentliche Anlass ihres Besuches.

Anatolij Rutschiza ist als einer von zahlreichen Liquidatoren im Jahr 1986 daran beteiligt gewesen, die Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl unter Kontrolle zu bringen. Als junger Arzt von damals 25 Jahren bekam er drei Wochen nach dem GAU den Befehl von Seiten der Regierung, zu einem Einsatz in die 10Km-Sperrzone des havarierten Kernkraftwerks zu reisen. Dort war es sein Auftrag, die Männer, die Lösch- und Aufräumarbeiten am explodierten Reaktor leisteten und auch an der Schutzhülle aus Beton – dem Sarkophag – bauten, medizinisch zu versorgen.

Sein Besuch in Schleswig-Holstein fand im Rahmen der „Europäischen Aktionswochen“ des IBB in Dortmund statt und hatte zum Ziel, an die Katastrophe von Tschernobyl zu erinnern und das Bewusstsein über die Risiken der Nutzung von Atomenergie wach zu halten. Anna Negatina, eine 24-jährige Studentin aus Kiew, hat ihn als Übersetzerin begleitet.

Gemeinsam mit Anatolij und Anna besuchten wir verschiedene Schulen in Rendsburg, Lübeck und Kiel und trafen allerorts auf junge Leute, die aufmerksam und auch betroffen zuhörten, was unser Gast vor 28 Jahren erlebte – zu einer Zeit in der die meisten seiner heutigen Zuhörer noch nicht einmal geboren waren. Er erzählte von der wunderschönen Natur in der Region von Tschernobyl, die für immer unbetretbar geworden ist, dem bedrückenden Anblick der leer stehenden Häuser, die Hals über Kopf von der evakuierten Bevölkerung verlassen wurden, von Haustieren, die allein zurückgelassen werden mussten und natürlich von der messbaren hohen Radioaktivität, die die Arbeiter wie ein unsichtbarer, tödlicher Feind umgab – wie Anatolij es beschrieb – und sie in Angst versetzte.

Als Augenzeuge der Folgen dieses damaligen Atomreaktor-Unfalls gelang es Anatolij, zahlreichen Schülern die Gefahren, Ängste, Verluste und langfristigen Folgen, die mit einem solchen Super-GAU verbunden sind, nahe zu bringen. Die Rückfragen und Rückmeldungen von den Schülern auf seine Erzählungen zeigten, dass es uns gelungen ist, mit unserem Besuch greifbar zu machen, was es für den Einzelnen bedeutet, radioaktiver Strahlung in solch einem hohen Ausmaß ausgeliefert zu sein und dass die Gefahren des Betriebs von Atomkraftwerken heute wie damals nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind.

Neben den Besuchen in den Schulen haben wir unseren beiden Gästen natürlich auch ein weiteres Programm geboten, so dass unsere gemeinsame Woche wie im Fluge verging und mit dem Wunsch der Beiden endete, im nächsten Jahr wieder nach Kiel kommen zu wollen.

 

„Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“

Vor 27 Jahren explodierte das AKW in Tschernobyl - Die Folgen sind auch heute noch dramatisch

Am 26.4. 2013 jährt sich der GAU von Tschernobyl zum 27. Mal. Aus diesem Anlass hat die Heinrich-Böll-Stiftung zwei ehemalige Liquidatoren, Josef Belapko aus Belarus und Boris Morgun aus der Ukraine, nach Schleswig-Holstein eingeladen. Sie werden in mehreren Städten mit SchülerInnen und Erwachsenen sprechen, von ihren Einsätzen nach dem Tschernobyl-GAU berichten und schildern, welche dramatischen Auswirkungen die Katastrophe von Tschernobyl noch heute in ihren Ländern hat.

Der Besuch der beiden Liquidatoren wird von einem Trägerkreis, dem Schulen und Organisationen aus dem Anti-AKW-Spektrum angehören, begleitet und ist Teil der Europäischen Aktionswochen des Internationalen Bildung- und Begegnungswerks in Dortmund.

Das Programm finden Sie hier: KLICK MICH >>>