Wandelnde Erinnerung an die nationalsozialistische Verfolgung am Beispiel Norddeutschlands
Unter diesem Titel fand vom 18. bis 20. Februar 2011 in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte, Bad Malente, die 6. Landesgedenkstättentagung in Schleswig-Holstein statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Gedenkstättenbeauftragten der Nordelbischen Kirche, der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein und der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte, als Kooperationspartner konnten die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten sowie der Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS) gewonnen werden. Besucht wurde die Tagung von rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die hauptsächlich aus Schleswig-Holstein stammten.
Die Tagung
Eröffnet wurde die Tagung von dem Historiker und Politikwissenschaftler Dr. Harald Schmid mit einen instruktiven Übersichtsbeitrag Geschichtspolitik und Erinnerungskulturen. Zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland. Schmidt konstatierte einen „leisen Gezeitenwechsel“, der von der schleichenden Ablösung einer „minoritären, randständigen Vergangenheitsbewältigung der Erfahrungsgenerationen“ durch eine „marktgängig-affirmative[n] und weitgehend konsensuale[n] Erinnerungskultur der Nachgeborenen, die in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt und akzeptiert ist“, bestimmt sei. Mit seinem Vortrag bot Schmid einen anregenden theoretischen Rahmen für die Tagung, auf den in den folgenden Tagen wiederholt Bezug genommen wurde.
Anhand von drei konkreten Beispielen stand am Samstagvormittag der Komplex Geschichtspolitik in Deutschland nach 1945 im Vordergrund. Prof. Dr. Karl-Heinrich Pohl, Emeritus der Kieler Universität, setzte sich mit den inhaltlichen und museumsdidaktischen Defiziten der neukonzipierten und im Juni 2010 vorgestellten Marineausstellung des Deutschen Marinebundes e.V. (DMB) im Laboer Ehrenmal auseinander. Ihm folgte der Historiker und landeskirchliche Gedenkstättenbeauftragte der Nordelbischen Kirche, Dr. Stephan Linck, der unter den Stichworten Vorreiter und Anachronismus seine Ergebnisse zur (landes-)kirchlichen Versöhnungsarbeit in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund vorstellte. Den Abschlussbeitrag hielt erneut Dr. Harald Schmid, der kurzfristig für den Leiter der Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Detlev Garbe, eingesprungen war. Seinen Beitrag Geschichtspolitik in Hamburg nach 1945 illustrierte er anhand von vier lokalen Fallbeispielen: dem Umgang mit politischen Gedenktagen („Operation Gomorrha“, der Pogromnacht vom 9./10. November), der Auseinandersetzung um die KZ-Gedenkstätte in Neuengamme, der weltweit aufsehenerregenden Kontroverse um die Überbauung des jüdischen Friedhofs in Ottensen (1991/1992) sowie der späten „Wiederentdeckung“ und Aneignung des Hamburger Zweigs der „Weißen Rose“.
Die inhaltliche Klammer für den Nachmittag lautete: Lernziel Toleranz? Aktuelle Initiativen gegen Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Exkursion führte ins lauenburgische Mölln, wo das Bahide-Arslan-Haus besucht wurde. Auf das Haus in der Mühlenstraße 9 war in der Nacht zum 23. November 1992 ein neonazistischer Brandanschlag verübt worden, bei dem drei Türkinnen – Bahide und die zehnjährige Yeliz Arslan sowie Ayse Yilmaz – ums Leben kamen. Drei Jahre später, 1995, richtete die Stadt Mölln in unmittelbarer Nähe zum Brandhaus eine Internationale Begegnungsstätte ein, die ehrenamtlich von dem Verein Miteinander Leben e.V. getragen wird. Der Begrüßung und Vorstellung der Einrichtung und der Aktivitäten durch die Vereinsvorsitzenden Mark Sauer und Astrid Bußenius (http://www.verein-miteinander-leben.de/) schloss sich der Beitrag Sind Neonazis lernfähig? von Prof. Dr. Fabian Virchow, Leiter der Forschungsstelle Rechtsextremismus/Neonazismus im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf an. Da Herr Virchow krankheitsbedingt verhindert war, wurde sein Beitrag verlesen. Sein Beitrag behandelte die seit Mitte der 1990er Jahre (verstärkt) auftretende Problematik neonazistischer Aufmärsche, das relativ neue Phänomen der so genannten Autonomen Nationalisten sowie die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit einem Ausstieg aus der neonazistischen/extrem rechten Szene/Bewegung. Im Anschluss stellte Karl-Georg Ohse die Arbeit des Regionalzentrums für demokratische Kultur Westmecklenburg mit Sitz in Ludwigslust vor, deren Aufgabenbereich zum einen in der Stärkung demokratischer zivilgesellschaftlicher Strukturen liegt, zum anderen in der Immunisierung gegenüber rechtsextremen Einstellungen bzw. deren Zurückdrängung.
Zu intensiven Diskussionen lud der Abendvortrag Moralisches Statement mit Sidolin – oder: Memorial, Positionsbekundung, Opfer-Imagination: Beobachtungen zur vielschichtigen Funktionalität von Stolpersteinen ein. In pointierter Form trug Kay Dohnke, 1. Vorsitzender des AKENS und Mitherausgeber der Informationen für schleswig-holsteinische Zeitgeschichte, seine – durchaus von Ambivalenz geprägte – Haltung zu der „Stolperstein-Erfolgsstory“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig vor.
Unter dem Motto Bürgerschaftliches Engagement konzentrierte sich der Sonntag auf die eigentliche Gedenkstättenarbeit. Prof. Dr. Matthias Pfüller (anstelle von Dr. Andreas Wagner) berichtete über den 1996 gegründeten Verein Politische Memoriale e.V., den zentralen Knotenpunkt in der Gedenkstättenarbeit Mecklenburg-Vorpommerns. Dabei war von besonderem Interesse, dass der Verein ebenso für die Gedenkstätten zur Erinnerung an den NS-Terror zuständig ist wie für die Erinnerungsstätten an das DDR-Unrecht. In dieser Anordnung ergaben (und ergeben) sich oftmals Spannungen, Konflikte und auch Rivalitäten.
Den inhaltlichen Abschluss bildete schließlich die von Pastor Ulrich Hentschel moderierte Diskussionsrunde Was kann Gedenkstättenarbeit in Norddeutschland leisten? Das Beispiel Norddeutschland. Auf dem „Podium“ berichteten Monika Metzner-Zinssmeister (Gedenkstätte Ahrensbök), Uta Körby (Gedenkstätte Kaltenkirchen-Springhirsch), Karin Penno-Burmeister (Gedenkstätte Ladelund), Jens Rönnau (Verein Mahnmal Kilian) sowie Ramona Ramsenthaler (Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin) über ihre praktischen Erfahrungen in der Gedenkstättenarbeit.
Übereinstimmend wurde berichtet, dass eine attraktive und zeitgemäße Gedenkstättenarbeit sich nicht allein auf die Darstellung der Vergangenheit beschränken dürfe, sondern immer aktuelle politische Fragestellungen mit einbeziehen müsse. Dies gelte zum Beispiel bezüglich rassistischer Vorurteile und allgemeiner Vorbehalte gegenüber Minderheiten, die als ernste gesellschaftliche Probleme benannt wurden. Eine „aktualisierte“ Gedenkstättenarbeit sei insbesondere notwendig, um Schüler_innen anzusprechen. Zurzeit fehle es in diesem Bereich aber noch an dem entsprechenden Know-How, letztendlich aber auch an den notwendigen finanziellen Mitteln.
Neben finanziellen Zwängen – hier wurde moniert, dass das Land Schleswig-Holstein in der Ausstattung „seiner“ Gedenkstätten im Ländervergleich noch immer den letzten Platz belegt –, wurde auch die Situation der Mitarbeiter_innen thematisiert. In allen Gedenkstätten verteilt sich die Arbeit auf zu wenigen Schultern: Die strukturelle Arbeitsüberlastung führe einerseits zu realen wie psychischen Überforderungen, andererseits setze sie konzeptionellen, didaktischen und pädagogischen Weiterentwicklungen enge Grenzen.
Bilanz
Das Fazit der Abschlussrunde fiel überwiegend positiv aus und zwar sowohl bezüglich der Gesamtanlage der Tagung, der praktischen Durchführung als auch der einzelnen Beiträge. Diesem Votum schließen sich die Veranstalterinnen an. Drei Punkte sind besonders hervorzuheben:
Die Tagung sprach unterschiedliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer an: Vertreten waren Mitarbeiterinnen von Gedenkstätten (Schleswig-Holstein, Mecklenburg), Journalisten, Wissenschaftler (hauptsächlich Historiker), „Barfuß-Historiker“, Mitglieder von Verfolgtenorganisationen, Studierende und sonstige an der Thematik Interessierte. Es entstand ein fruchtbarer und erkenntnisfördernder Austausch zwischen „Theorie“ und „Praxis“.
Damit einher ging die Teilnahme mehrerer Generationen: Das Alter der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewegte sich zwischen Anfang 20 und Anfang 70. In dieser Konstellation offenbarten sich nicht zuletzt unterschiedliche Blickwinkel auf den Tagungsgegenstand bzw. Geschichte allgemein, die jedoch nicht gegeneinander diskutiert wurden, vielmehr den Raum für Differenzierungen öffneten.
Die Überlegungen der Veranstalterinnen sahen vor, die Analysen und Diskussionen zur Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Bezug zur Erhaltung und Weiterentwicklung eines demokratischen Grundverständnisses und einer demokratischen Praxis zu setzen. Offensichtlich knüpfte diese inhaltliche Erweiterung an den Bedürfnissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an und stieß auf reges Interesse. Die Diskussion zeigte, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Neofaschismus in seinen unterschiedlichen Formen von den Teilnehmenden als gravierende politische Probleme wahrgenommen werden, die die jeweiligen Arbeitsfelder der Einzelnen unmittelbar berühren.
In der Gesamtbilanz war die Tagung erfolgreich. Es gab intensive Diskussionen, einen interessanten Meinungsaustausch und Folgeabsprachen. Das Interesse an einem Fragebogen zu weiteren Qualifizierungsmaßnahmen im Bereich der Gedenkstättenarbeit war ebenfalls groß. Inwieweit sich eine allgemein befürwortete vertiefende Vernetzung angesichts der knappen personellen und finanziellen Ressourcen tatsächlich realisieren lässt, wird sich indes zeigen.
Die Veranstalterinnen sehen sich darin bestärkt, auch für das folgende Jahr eine Landesgedenkstättentagung ins Auge zu fassen.
Dokumentation
Die Tagungsbeiträge sind in einem Reader dokumentiert. Dieser ist als kostenloser download (landesgedenkstättentagung2011.pdf) auf der Internetseite Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten (www.gedenkstaetten-sh.de) eingestellt. Eine Druckfassung kann über das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, Medusastr. 16, 24143 Kiel (schomaker
boell-sh.de) bezogen oder hier heruntergeladen werden. Wir bedanken uns bei den Autorinnen und Autoren, dass die uns ihrer Beiträge zur Verfügung gestellt haben. Des Weiteren können wir Ihnen den Vortrag "Beratungsstrukturen für demokratische Kultur" zur Verfügung stellen.
Kiel, den 10.8.2011
Heino Schomaker (Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein)
Dr. Stephan Linck (Gedenkstättenbeauftragter der Nordelbischen Kirche)
Dr. Knud Andresen (Gustav-Heinemann-Bildungsstätte)