Die politische Bildungsarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Die politische Bildungsarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein

Rahmenbedingungen

Der individuelle und gesellschaftliche Stellenwert von Bildung kann in modernen Gesellschaften kaum hoch genug geschätzt werden. Bildungsprozesse bestimmen wesentlich die individuellen Chancen auf Selbstbestimmung und Teilhabe. Sie sind somit eine grundlegende Voraussetzung für elementare Werte wie Freiheit und (Geschlechter-)Gerechtigkeit. Die Wahrung von menschlicher Würde ist besonders auf Bildung angewiesen.

Unsere Zeit ist von der sozialen und interkulturellen Pluralisierung gesellschaftlicher Lebensformen ebenso bestimmt wie von der Bedrohung des demokratischen Verfassungsstaates sowie der Bedrohung friedlicher, auf Interessenausgleich gerichteter Verhältnisse. In einer globalisierten, durch umfassende Informationsmöglichkeiten und rasanten Wandel geprägten Welt gewinnt kreativ-kritische Bildung immer stärker an Bedeutung. Bildung kann für die Menschen Bewusstseinsprozesse anstoßen, Kenntnisse und Orientierung schaffen, Erfahrungen vermitteln, Kommunikation und Partizipation ermöglichen und zur Übernahme von Verantwortung ermächtigen. Das spiegelt sich in unserer Arbeit wider. Bildung ist für uns nicht auf Lernen im Sinne von unreflektierter Wissensaneignung reduziert. Bildungsprozesse sind umfassende Optionen zur kritischen Auseinandersetzung mit sich und der Gesellschaft: um Informationen zu gewinnen und sie mit eigenen Kenntnissen, Erfahrungen, Weltsichten und Zielen zu verknüpfen; die eigenen Positionen zu reflektieren und sich aktiv in gesellschaftliche Diskussionen und politische Entscheidungen einzubringen. Unsere Bildungsarbeit ist in dem Sinne politisch, dass sie Menschen als zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure stärkt und damit auf die Festigung und den Ausbau einer vitalen, streitbaren, pluralistischen, menschenrechtsorientierten und inklusiven Demokratie und ihrer Institutionen zielt; in Schleswig-Holstein, Deutschland und der Welt.

Grundlagen

Die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein verfolgt eine parteiübergreifende und unabhängige politische Bildungsarbeit. Wir kooperieren mit allen demokratischen Akteurinnen und Akteuren. Dabei fühlen wir uns mit Themen und Diskursen verbunden, die für die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ und ihr gesellschaftliches Umfeld eine Rolle spielen. Das Profil unserer Arbeit orientiert sich besonders an den Themen Ökologie, Migrationsgesellschaft und solidarische Weltinnenpolitik, Kultur und Interkulturalität, Kritik von Herrschaft und ungerechter globalisierter Ökonomie, an Geschlechterdemokratie, europäischer Einheit sowie der von einem kritischen Geschichtsbewusstsein getragenen Erinnerungskultur. Eine globale gesellschaftliche Legitimation hat unsere Bildungsarbeit durch die Rio-Erklärung über Umwelt und Entwicklung von 1992 erhalten.

Historisch verankert sind wir in den sozialen Bewegungen der 70er- und 80er-Jahre. Alternative Vorstellungen von Gesellschaft in all ihren Bereichen, basierend auf einem Grundverständnis von Eigenverantwortung, Basisdemokratie und sozialer Gerechtigkeit, waren der Ausgangspunkt. Aus dieser Ausprägung ging das grün-alternative Weltbild hervor. Bildungsprozesse in diesem Kontext waren selbstbestimmte Projekte, die die Kenntnisse und Erfahrungen der Teilnehmer*innen aktiv einbezogen und Gesellschaftsanalyse mit konkreten Veränderungsperspektiven und -ansätzen verbunden haben.

In der Erklärung von Rio wird diese zentrale Bedeutung von Bildung aufgenommen und noch stärker in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gestellt. Im Zentrum steht die Erkenntnis, dass auch globale Veränderungs- und Entwicklungsprozesse nur dann erfolgreich sein können, wenn sie von den Menschen verstanden, aktiv gestaltet und mitgetragen werden können. Diese Position bestimmt unser Bildungsprogramm.

Profil unserer Bildungsarbeit

Unsere Veranstaltungen sind daher Projekte und Orte, an denen Menschen neu erworbenes Wissen mit eigenen Erfahrungen, Emotionen und Zielen verknüpfen. Die Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen Menschen sollen sie befähigen, sich selbst neu zu verorten und auf diese Weise an der Umgestaltung unserer Gesellschaft ebenso wie an der Bewahrung elementarer demokratischer und zivilisatorischer Errungenschaften aktiv mitzuwirken.

Unsere Bildungsarbeit gründet auf den Leitbildern Emanzipation, Autonomie und Solidarität. Deshalb geht es uns stets darum, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen und Verantwortung für sich und Andere zu übernehmen. Das bedeutet für unsere Bildungsarbeit, dass sie grundsätzlich für alle Themen und Menschen offen ist. Sie definiert aber auch Grenzen, wo die Geltung dieser Werte gefährdet ist. Sie richtet sich an alle Menschen und ist von ihnen mit gestaltbar. In unserer Praxis bedeutet dies, dass wir vor allem Themen aufrufen und bearbeiten, die für aktuelle gesellschaftliche Debatten oder Entwicklungen relevant sind. Diese werden von uns für spezielle Zielgruppen aufbereitet und in aktivierende wirklichkeitsnahe Lernsituationen eingebettet, die möglichst auch digitale Informations- und Kommunikationsmittel nutzen. Dabei arbeiten wir häufig mit Kooperationspartner*innen zusammen. Wichtig ist uns, inhaltliche Informations- und Diskussionsangebote mit konkreten gesellschaftlichen Beteiligungsoptionen zu verbinden und sie in den Kontext von Kunst und Kultur zu stellen. Unsere Veranstaltungen sind Orte des gesellschaftlichen Diskurses, des inhaltlichen Streits und der Verständigung. Wir verstehen uns als Weiterbildner*innen, Berater*innen und Impulsgeber*innen. Und wir bauen Brücken – zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Spektren, zwischen unterschiedlichen Interessenvertreter*innen, zwischen der Mainstreamgesellschaft und ihren vielfältigen Rändern, zwischen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und politischen Entscheidungsträger*innen.

Die rechtsstaatlich fundierte soziale Demokratie ist eine unverzichtbare Lebensform. Dazu gehören auch politische Parteien. Uns geht es darum, dem dramatischen Bedeutungsverlust des Politischen und einer offensichtlichen Vertrauenskrise der Parteien und ihrer Repräsentant*innen entgegenzutreten. Die Erinnerung an das Scheitern der Weimarer Republik steht uns dabei vor Augen. Wir werden uns nicht am populistischen Parteien- und Politiker*innen-Bashing beteiligen. Stattdessen arbeiten wir mit den Mitteln, die der politischen Bildung zur Verfügung stehen: Wir identifizieren Konfliktlinien und Zukunftsthemen der Gesellschaft und eröffnen Debattenräume, bieten politischen Akteur*innen inhaltliche und handwerkliche Fortbildungsangebote, machen auch Politikberatung. Dabei sehen wir es ausdrücklich als unsere Aufgabe an, auch in die grüne Szene hineinzuwirken: Wir rufen Themen auf, die hier kontrovers diskutiert werden, diskutieren Alternativen zu grünen Positionen, arbeiten für eine Qualifizierung grüner Debatten und eine Differenzierung grüner Argumente.

Politische Positionen und politisches Handeln können in einer Demokratie niemals „alternativlos“ sein. Wir streben an, dass sie die Ergebnisse respektvollen Streits und transparenter Meinungsbildung sind. Sie dienen immer dem Schutz der Menschenwürde und unserer Lebensgrundlagen, dem Schutz von Gerechtigkeit und Sicherheit sowie der Möglichkeit der Selbst- und Mitbestimmung.

 

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